Versorgung von CED-Patienten zu Zeiten der Coronavirus-Pandemie – Vorgehensweise einer Klink in Mailand

Original Titel:
Inflammatory bowel disease care in the COVID-19 pandemic era: the Humanitas, Milan experience

MedWiss – Die Coronavirus-Pandemie stellt alle vor große Herausforderungen – auch Patienten mit chronischer Darmentzündung und die behandelnden Ärzte. Wissenschaftler aus Italien berichteten, welche speziellen Maßnahmen die CED-Abteilung der Humanitas Klinik in Mailand (Italien) ergriffen hat, und geben Empfehlungen zur Behandlung und Betreuung von Patienten mit chronischer Darmentzündung.


Die Coronavirus-Pandemie hat einen großen Einfluss auf die Gesundheitsversorgung. Viele Patienten mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) sind verunsichert. Sie fragen sich, wie sich ihre Erkrankung und deren Behandlung auf das Risiko und die Prognose von COVID-19 (die Krankheit, die durch das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöst wird) auswirken. Da viele Betroffene häufiger ins Krankenhaus müssen – sei es wegen eines Krankheitsschubes, wegen Komplikationen, wegen Medikamentenverabreichung oder wegen Kontrollen – sind sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt, sich im Krankenhaus mit dem neuen Coronavirus zu infizieren. Die Behandlung und Betreuung von Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa muss somit umstrukturiert werden – auch deshalb, weil die Kapazität des Gesundheitssystem immer mehr an seine Grenzen kommen wird. Die Situation ist für alle neu. Manchmal hilft es in solchen Situationen einen Blick zu den Nachbarn zu werfen, um zu sehen, wie sie mit der Situation umgehen. Wissenschaftler aus Mailand (Italien) berichteten, welche Maßnahmen sie in der CED-Abteilung des Humanitas Krankenhauses in Mailand bezüglich der Betreuung von Patienten mit chronischer Darmentzündung getroffen haben.

Die CED-Abteilung der Humanitas Klinik betreut mehr als 5000 Patienten mit chronischer Darmentzündung

Die CED-Abteilung der Humanitas Klinik in Mailand ist Teil einer der größten Universitätskliniken in der Lombardei und begleitet mehr als 5000 CED-Patienten aus allen Regionen Italiens. In der Tat kommen beinahe 75 % der Patienten aus anderen Regionen. Seit dem Coronavirus-Ausbruch ist das Krankenhaus sehr stark an der Behandlung von COVID-19-Patienten beteiligt, sodass viele Kliniker der Behandlung der Patienten zugewiesen wurden. Da die Krankenhausplätze ausgelastet sind und sich viele Ärzte und Krankenpfleger in dieser Notsituation um COVID-19-Patienten kümmern müssen, musste die Behandlung und Betreuung von Patienten mit chronischer Darmentzündung schnell umstrukturiert werden. Dazu kommt, dass es Reisebeschränkungen gibt (selbst innerhalb derselben Region), sodass viele Patienten Schwierigkeiten haben, das Krankenhaus zu erreichen.

Welche Maßnahmen hat die CED-Abteilung der Humanitas Klinik aufgrund der Coronavirus-Pandemie getroffen?

An jedem öffentlichen Eingang des Krankenhauses wurden Stationen eingerichtet, an denen Patienten auf Symptome und Anzeichen von COVID-19 überprüft werden, Fieber gemessen und persönliche Schutzausrüstung verteilt wird. Alle Mitarbeiter des Krankenhauses und alle Patienten werden überprüft, bevor sie das Krankenhaus betreten. Was speziell die Versorgung von Patienten mit chronischer Darmentzündung angeht, so wurden zwei Ärzte der stationären Versorgung zugewiesen. Drei weitere Ärzte sind für Infusionen, klinische Studien und Endoskopie zuständig. Um die Fernüberwachung kümmern sich zwei zusätzliche Ärzte. Die Treffen im multidisziplinarischen Team finden in virtuelle Kliniken statt, um direkte Kontakte und somit die Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Jede planbare Operation wurde verschoben und nur dringende Fälle werden angenommen und behandelt. Die Krankenpfleger haben alle Termine, bei denen Patienten Infusionen erhalten sollen, umgeplant, um Menschenansammlungen im Wartebereich zu vermeiden. Die Infusionsstühle wurden so weit auseinander geschoben, dass ein sicherer Abstand zwischen den Patienten gewährleistet ist. Der Zutritt zur CED-Abteilung wurde auf die Patienten beschränkt, die eine Infusion benötigen oder an einer klinischen Studie teilnehmen. Pflegekräfte bzw. Betreuungspersonen dürfen sich in dem Bereich nicht aufhalten. Zusätzlich zu diesen Sicherheitsmaßnahmen trägt das gesamte Team persönliche Schutzausrüstungen und folgt strikt den Empfehlungen der WHO (World Health Organization), um Kontaminationen zu vermeiden.

Krankenhausbesuche sollen vermieden werden

Die täglichen Aktivitäten in der Infusionseinheit wurden auf intravenöse Medikamente für Patienten aus der Umgebung beschränkt. Die Krankenhausapotheke liefert den Patienten, die subkutane Injektionen bekommen, die entsprechenden Medikamente nach Hause. Die Patienten, die in anderen Regionen leben und Infusionen benötigen, werden vorübergehend zu einer anderen, ihnen am nächsten gelegenen CED-Abteilung überwiesen. So wird auch bei milden bis mittelschweren Krankheitsschüben verfahren.

Patienten, die für eine Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus kommen sollten, sollen nun zu Hause bleiben und von dort aus einen entsprechenden Fragebogen zu ihren Krankheitssymptomen und zu ihrer Lebensqualität ausfüllen. Dieser wird zusammen mit ihren routinemäßigen Labortests zu dem Krankenpfleger und zu dem Arzt geschickt. Diese geben Empfehlungen und Informationen bezüglich der Therapie und den weiteren Kontrolluntersuchungen. Um den Zugang zum Krankenhaus für invasive Eingriffe zu beschränken, werden die Entscheidungen auf Grundlage des vom Patienten berichteten Krankheitsverlaufs, der Menge des C-reaktiven Proteins und der Konzentration von Calprotectin im Stuhl bei asymptomatischen Patienten getroffen.

Derzeitige Behandlungen sollen fortgeführt werden

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Patienten mit chronischer Darmentzündung kein größeres Risiko haben, sich mit dem neuen Coronavirus zu infizieren, als die Allgemeinbevölkerung. Ein Krankheitsschub ist jedoch jetzt, wo das Gesundheitssystem stark belastet ist, schwer zu managen. Aus diesem Grund empfehlen die Wissenschaftler allen Patienten ihre Therapien fortzuführen und diese nicht einfach abzusetzen. Das gilt besonders für Patienten, die sich derzeit in einer Ruhephase befinden. Die Anwendung von Steroiden bei Patienten, die an COVID-19 erkrankt sind, wird kontrovers diskutiert. Es macht jedoch den Anschein, dass sich niedrig dosierte und kurzzeitige Steroide nicht negativ auf den Krankheitsverlauf von COVID-19 auswirken. Aus diesem Grund kann, falls nötig, auf diese Wirkstoffe bei einem Krankheitsschub zurückgegriffen werden. Thiopurine und JAK-Inhibitoren wie Tofacitinib können die Anzahl an aktivierten T-Zellen senken. Dennoch empfehlen die Wissenschaftler nicht, entsprechende Therapien bei Patienten, die sich mit diesen Behandlungen in einer Ruhephase befinden, abzubrechen. Was monoklonale Antikörper angeht, gibt es derzeit keine Daten, die gegen eine weitere Anwendung dieser Wirkstoffe während der Coronavirus-Pandemie sprechen. Daher sollten die Patienten auch diese Therapien fortsetzen. Allerdings wird der Beginn einer neuen Therapie verschoben, wenn der Patient keine Symptome zeigt (z. B. Therapien, die darauf abzielen, einem erneuten Krankheitsschub nach einer Operation vorzubeugen – vorausgesetzt der Patient hat nur ein geringes bis mittleres Risiko für einen Rückfall).

Was können Patienten mit chronischen Darmentzündungen selbst tun?

Bisher gibt es noch keine COVID-19-Berichte speziell zu Patienten mit chronischer Darmentzündung. Aus diesem Grund können den Betroffenen derzeit auch keine speziellen Empfehlungen gegeben werden. Patienten mit chronischer Darmentzündung sollten sich – wie alle anderen Menschen – vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen. Sie sollten somit ebenfalls den aktuellen Empfehlungen der WHO folgen:

  • Regelmäßig gründlich die Hände waschen (mit alkoholhaltigem Händedesinfektionsmittel oder mit Wasser und Seife)
  • Oberflächen, auf denen infizierte Tröpfchen liegen könnten, mit Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis reinigen
  • Mindestens 1 Meter Abstand halten von Personen, die husten oder niesen
  • Vermeiden, sich an Augen, Nase und Mund zu fassen (Masken könnten dabei helfen)
  • Zu Hause bleiben, wenn man sich unwohl führt
  • Eine Maske tragen, wenn man Symptome hat oder wenn der Mindestabstand zu anderen Personen nicht eingehalten werden kann
  • Beim Einkaufen, Tanken und anderen Aktivität außerhalb des Hauses, bei denen die Hände mit dem Virus in Kontakt kommen könnten, Handschuhe tragen
  • Öffentliche Toiletten so gut es geht meiden (sowohl die Toilette als auch das Waschbecken als auch die Türklinken können kontaminiert sein)

Die CED-Abteilung der Humanitas Klinik empfiehlt ihren Patienten mit chronischer Darmentzündung außerdem sich regelmäßig auf seriösen Internetseiten über die derzeitigen Empfehlungen für Patienten mit chronischer Darmentzündung zu informieren. In Deutschland hält die Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) e.V. wichtige Informationen bereit (s. hier). Das Krankenhaus selbst verschickt an ihre Patenten regelmäßige Newsletter per Mail.

[DOI 10.1093/ecco-jcc/jjaa058 ]

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