Nachhaltige Transformation von Praxen und Ambulanzen

  • 19. Januar 2026
Gastbeitrag von Dr. med. Christina Hecker
(Ärztin für Dermatologie und Allergologie; AG Dermatologie KLUG e.V.)


Weitere Beiträge zum Thema „Ressourcenschonung in der Arztpraxis“ folgen.
Bereits veröffentlicht: 
Umweltimpact dermatologischer Produktproben
Krisenresilienz: Wie Sie Ihre Praxis oder Klinik vorbereiten können
Klimaschutz und Dermatologie: eine globale Bestandsaufnahme

Der Klimawandel stellt das Gesundheitssystem vor eine doppelte Herausforderung: Einerseits muss es die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels auffangen, andererseits trägt der Sektor selbst mit etwa 5% zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Der 125. Deutsche Ärztetag forderte daher im November 2021 die Klimaneutralität des Gesundheitssektors bis 2030.

Planetare Belastungsgrenzen und ihre Folgen:

Das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen umfasst neun kritische Bereiche, deren Überschreitung die Stabilität des globalen Ökosystems gefährdet. Bereits heute sind mehrere Grenzen überschritten, darunter die Klimakrise, der Verlust der Biodiversität und die Belastung durch chemische Substanzen.

Konkrete Auswirkungen auf die Dermatologie:

Eine aktuelle Analyse des UKE Hamburg zeigt alarmierende Entwicklungen: Zwischen 2010 und 2019 stiegen Erkrankungen des atopischen Formenkreises um 29%, Vektor-assoziierte Erkrankungen wie Borreliose und FSME um 36%. Ursachen sind unter anderem die Ausbreitung hochallergener Neophyten, verlängerte Blütezeiten und die Ausweitung der Lebensräume von Zecken durch mildere Temperaturen.

Überverordnung als Klimafaktor:

Den höchsten Anteil an Treibhausgasen im Gesundheitssektor verursachen mit 60% medikamentöse und diagnostische Verordnungen. Überverordnung schadet nicht nur Patienten, sondern verschwendet auch Ressourcen. Initiativen wie „Klug entscheiden“ und „Choosing Wisely“ bieten evidenzbasierte Empfehlungen zur Vermeidung von Übertherapie.

Co-Benefits im Patientengespräch:

Das ärztliche Gespräch bietet eine wichtige Chance: Durch die Vermittlung von Co-Benefits können Gesundheitsempfehlungen mit Klimaschutz verbunden werden. Beispiele: „Tägliches Radfahren“ bei metabolischen Komorbiditäten oder die „Planetary Health Diet“ mit hohem Obst- und Gemüseanteil reduzieren gleichzeitig Erkrankungen und CO2-Emissionen.

Klimamanagement in der Praxis:

Das Pilotprojekt „KLIK green“ zeigte zwischen 2019 und 2022 an 250 Kliniken eindrucksvolle Ergebnisse: Durch 1.600 Klimaschutzmaßnahmen konnten über 200.000 Tonnen CO2 eingespart werden – bei gleichzeitigen finanziellen Einsparungen im Energie- und Trinkwassersektor. Diese Erfolge lassen sich auch auf niedergelassene Praxen übertragen.

Krisenresiliente Praxen:

Zur Vorbereitung auf Hitzewellen und Extremwetterereignisse werden praxisrelevante (Krisenpläne, Notfallübungen, Datensicherung) und patientenrelevante Maßnahmen (Hitzeaktionspläne, Versorgung vulnerabler Gruppen) unterschieden. Das Bundesamt für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz stellt hierzu umfangreiche Informationen bereit.

Praktische Unterstützung:

Die Arbeitsgemeinschaft Nachhaltigkeit in der Dermatologie (AGN) bietet auf agderma.de kostenfreie Qualitätsmanagement-Vorlagen für Maßnahmen zur Ressourcenoptimierung zum Download an. Die AGN-Zukunfts-Akademie stellt zudem Fortbildungskurse für medizinische Fachangestellte bereit.

Mit etwa 1 Milliarde Patientenkontakten pro Jahr können Ärztinnen und Ärzte einen entscheidenden Beitrag zur nachhaltigen Transformation der Gesellschaft leisten.

Quelle: Saha S et al. Nachhaltige Transformation von Praxen und Ambulanzen. Dermatologie 2022; https://doi.org/10.1007/s00105-022-05084-4