Wird Schwindel bei vestibulärer Migräne sinnvoll behandelt? Australische Studie bemängelt seltenen Einsatz von Gleichgewichtstraining

Original Titel:
Clinical characteristics and treatment choice in vestibular migraine

Die Analyse deutete darauf, dass die Diagnose vestibuläre Migräne recht häufig in spezialisierten Gleichgewichtskliniken vorkommen kann. Trotzdem scheint die Behandlung eher uneinheitlich zu sein und nur kaum dem wissenschaftlichen Standard zu folgen. Die Studie war konzentriert auf Australien – möglicherweise ist der zentraleuropäische Standard der Behandlung von vestibulärer Migräne besser. Dieser Frage müssten nun weitere Untersuchungen nachgehen. Trotz dieser Einschränkung ist aber diese Studie auch für Patienten hierzulande nützlich: gerade eine sogenannte vestibuläre Rehabilitation, also spezielles Gleichgewichtstraining, sollte schließlich bei vestibulärer Migräne ein wichtiges Therapieelement darstellen. Bei diesem Training wird das Gehirn dazu angeregt, nach und nach ‚schwindelerregende‘ Auslöser als akzeptabel zu erkennen – damit wird die Schwindelattacke abgemildert und das Leiden reduziert. Vielleicht können betroffene Patienten durch gezielte Nachfragen ihre Behandlung um eine solche Therapie, zusätzlich zu einer sinnvollen Migräneprophylaxe, erweitern und entsprechend verbessern.


Die spezielle Form der vestibulären Migräne stellt häufig Ärzte und Patienten vor Rätsel. Typischerweise leiden Patienten stark unter Schwindelattacken, die in diesen Fällen oft stärker belasten als die klassischen Migränekopfschmerzen. Eine aktuelle Übersichtsstudie von Dr. Power und Kollegen in Melbourne untersuchte nun, wie typischerweise Patienten in Australien mit dieser Diagnose behandelt werden – sinnvoll gemäß der wissenschaftlichen Evidenz, oder nicht? Dabei lag der Fokus besonders auf der Behandlung in spezialisierten Fachkliniken mit Schwerpunkt auf Gleichgewichtsstörungen (typischerweise Teil von HNO-Kliniken), in das die Patienten bereits gezielt überwiesen worden waren.

Spezialisierte Fachkliniken mit Schwerpunkt auf Gleichgewichtsstörungen

Für diese Analyse wurden die medizinischen Aufzeichnungen von Patienten, die sich in einem Zeitraum von 4 Monaten im Fachklinikum vorgestellt hatten, überprüft. Darunter fanden sich 90 Patienten mit vestibulärer Migräne. Im Mittel waren die Patienten 50 Jahre alt (zwischen 17 und 84 Jahren). 72 (80 %) der Patienten waren Frauen. Fast alle (96 %) litten, gemäß der klassischen Symptomatik der vestibulären Migräne, unter Schwindel, auch Vertigo genannt. Mehr als die Hälfte der Betroffenen (60 %) gab aber auch Kopfschmerzen als eine der vorherrschenden Symptome an.

Vestibuläre Migräne: Schwindel und häufig Kopfschmerz

Das Gleichgewichtsorgan selbst, das sich im Innenohr befindet, war bei den wenigsten auffällig: nur 6 der Patienten zeigten Auffälligkeiten im sogenannten Video-Kopfimpulstest (V-KIT), bei 7 Patienten deuteten auffällige Augenbewegungen (Vestibulo-okulärer Reflex, VOR) auf mögliche Störungen des Gleichgewichtssinns hin. Bei dem Großteil der Betroffenen gab es damit keine eindeutige organische Ursache für die Schwindelattacken im Innenohr. Zwar gelten diese Tests nur bedingt als informativ (Patscheke und Kollegen, 2018 im Fachjournal Laryngorhinootologie erschienen), allerdings konnte man bei vorheriger Diagnose der speziellen Migräne die vorhandenen Symptome damit als zentral-neurologische Störungen verstehen statt als Folgen einer Erkrankung des Innenohrs.

Wie wurden die Patienten aber anschließend behandelt? Ein Drittel der Patienten erhielt das Mittel Pizotifen (30 %), eine ältere Migräneprophylaxe, jedem 5. Patienten wurde dagegen das Antidepressivum Amitriptylin (21 %) als Mittel gegen die Migräne verschrieben. Lediglich 14 Patienten (16 %) wurden physiotherapeutisch behandelt, um die Reaktion des Gehirns auf ihre Schwindelattacken funktionell zu verbessern.

Zu selten physiotherapeutische Therapie der Schwindelattacken

Die Analyse deutete also darauf, dass die Diagnose vestibuläre Migräne recht häufig in spezialisierten Gleichgewichtskliniken vorkommen kann. Trotzdem scheint die Behandlung eher uneinheitlich zu sein und nur kaum dem wissenschaftlichen Standard zu folgen. Die Studie war konzentriert auf Australien – möglicherweise ist der zentraleuropäische Standard der Behandlung von vestibulärer Migräne besser. Dieser Frage müssten nun weitere Untersuchungen nachgehen. Trotz dieser Einschränkung ist aber diese Studie auch für Patienten hierzulande nützlich: gerade eine sogenannte vestibuläre Rehabilitation, also spezielles Gleichgewichtstraining, sollte schließlich bei vestibulärer Migräne ein wichtiges Therapieelement darstellen. Bei diesem Training wird das Gehirn dazu angeregt, nach und nach ‚schwindelerregende‘ Auslöser als akzeptabel zu erkennen – damit wird die Schwindelattacke abgemildert und das Leiden reduziert. Vielleicht können betroffene Patienten durch gezielte Nachfragen ihre Behandlung um eine solche Therapie, zusätzlich zu einer sinnvollen Migräneprophylaxe, erweitern und entsprechend verbessern.

© Alle Rechte: HealthCom