Vielfältige Symptome und Medikamente: Polypharmazie mit Nebenwirkung Lithiumvergiftung

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Lithiumintoxikation: kleines Kation, grosse Wirkung – gerade im Alter

MedWissEin Fallbericht aus der Schweiz betont, wie wichtig der Blick auf die Medikamentensammlung ist. Gerade bei älteren Patienten sammeln sich Mittel und Wechselwirkungen. In diesem Fall erhielt eine ältere Dame (85) Diuretika und COX2-Hemmer, beides Mittel, die den Abbau ihres antidepressiven Lithium beeinflussten. Die Folge waren Vergiftungserscheinungen durch einen erhöhten Lithiumspiegel. Der Bericht zeigt, dass es sich lohnt, bei jedem Arztbesuch eine Übersicht der aktuellen Therapien zur Vermeidung von Wechselwirkungen dabei zu haben.


Lithium wird bei schweren Depressionen und der Bipolaren Störung häufig und mit verlässlicher Wirkung eingesetzt. Ärzten ist auch sein geringes ‚therapeutisches Spektrum‘ gut bekannt: Um zu wirken, muss eine bestimmte Konzentration des Metalls im Blut erreicht werden. Wird diese aber überschritten, treten rasch Vergiftungserscheinungen auf. Bei jüngeren Patienten und aufmerksamen Ärzten ist dieses Problem nicht so häufig – regelmäßige Blutuntersuchungen gehören bei einer Lithiumtherapie zum Standard. Die Veränderung von Stoffwechsel und Behandlung mit zunehmendem Alter kann allerdings den Lithiumspiegel deutlich verändern, wie eine aktuelle Fallstudie aus der Schweiz (in Zusammenarbeit des regionalen Pharmakovigilanz-Zentrum Bern, der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, dem Inselspital Bern und der Universität Zürich) beschreibt.

Kritischer Punkt bei Lithium: Blutspiegel gerade richtig, nicht zu hoch

Die Experten berichten von einer 85-ährigen Dame, die mit Symptomen unter anderem der Schwäche und wässrigem Durchfall aufgenommen wurde – und seit etwa einer Woche unter diesen Symptomen litt. Zehn Tage zuvor war sie wegen Zittern der rechten Hand beim Arzt gewesen und hatte dagegen ein Medikament (Propranolol) verschrieben bekommen. Zusätzlich wurde auch ein Mittel gegen Ödeme in den Beinen verschrieben (Amilorid/Hydrochlorthiazid, ein Diuretikum) sowie ein Medikament zur Linderung einer Arthrose (Etoricoxib, ein sogenannter COX2-Hemmer). Außerdem erhielt die Patientin allerdings auch einige weitere Medikationen, etwa Cholesterinsenker, einen Gerinnungshemmer, ein Mittel gegen Bluthochdruck und ein Medikament zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Herzens. Lithium nahm sie in gleichbleibender Dosierung seit 10 Jahren täglich zur Behandlung ihrer Depression ein.

Vielfältige Symptome und Medikamente: Polypharmazie mit Nebenwirkung

Auffällig schien den Klinikärzten nun besonders das plötzliche Zittern zu sein, das im Zusammenhang mit neueren Medikamenten zu stehen schien. Gleichzeitig litt die Patientin unter keinen weiteren neurologischen Ausfällen, es deutete sich also keine Parkinson-Demenz oder Ähnliches an. Laboruntersuchungen zeigten, dass einerseits die Nierenfunktion der Dame eingeschränkt war – und andererseits die Menge an Lithium im Blut zu hoch. Die Ergebnisse passten alle zu einem schlechteren Abbaus des Lithiums, was schließlich zu einem zu hohen Lithiumspiegel und einer Vergiftung durch dieses Metall führte. Die Kliniker merkten dazu an, dass die Behandlung mit Etoricoxib in Kombination mit Lithiumtherapie problematisch sein kann: Das Mittel senkt den Lithiumstoffwechsel. Dadurch wurde bei der Patientin also die Konzentration des Lithiums noch weniger gut gesenkt und so mit jeder weiteren Einnahme weiter gesteigert. Die Behandlung der Dame war entsprechend in diesem Fall eine Hydrierung, um dem Wasserverlust durch den Durchfall entgegenzuwirken, Absetzen der Diuretika und eine kurze Behandlungspause des Lithiums, um eine gesunde, wirksame Konzentration zu erreichen.

Einschränkung des Lithiumabbaus und reduzierte Nierenfunktion führen zur Lithiumvergiftung

Die Experten betonen, dass es gerade bei älteren Patienten wichtig ist, den Lithiumspiegel und jedes neue Medikament, besonders Diuretika mit Wirkung auf die Nieren, im Blick zu behalten. Verschiedene weitere Medikamente (z. B. COX2-Hemmer) können den Abbau von Lithium beeinflussen. Der Stoffwechsel ändert sich außerdem mit zunehmendem Alter. Passend dazu deuten Untersuchungen darauf, dass ältere Menschen eine geringere Lithium-Konzentration benötigen – und auf niedrigere Mengen mit Vergiftungserscheinungen reagieren. Entsprechend kann bei älteren Patienten ein deutlich niedrigerer Lithiumspiegel ausreichend wirksam und sinnvoll sein.

Der Bericht betont damit einmal mehr, wie wichtig der Blick auf die Medikamentensammlung ist – und dass es sich lohnt, bei jedem Arztbesuch eine Übersicht der aktuellen Therapien zur Vermeidung von Wechselwirkungen dabei zu haben. Die Patientin hat sich nach Angaben der Kliniker übrigens ohne Schaden von der Vergiftung erholt.

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