Sterberisiko von Patienten, die sich vor oder direkt nach einer Operation mit SARS-CoV-2 infizieren ist erhöht

Weltweite Analyse aktuell im Fachjournal The Lancet publiziert

Patienten, die an COVID-19 erkranken, haben ein erhöhtes Risiko, im Zusammenhang mit einer Operation zu versterben. Vor planbaren Operationen sollte deshalb eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 möglichst ausgeschlossen werden. Zu diesem Schluss kommt eine weltweite Untersuchung, deren Ergebnisse jetzt von dem Forschungsnetzwerk CovidSurg Collaborative im Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde. Professor Dr. Alfred Königsrainer, klinischer Leiter der Studie in Tübingen und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie sieht das Tübinger Universitätsklinikum jedoch gut gerüstet: “Wir haben aus den vergangenen Wochen gelernt und uns gut vorbereitet. Bei Notfalleingriffen und vor geplanten Operationen tun wir alles, um im Vorfeld eine SARS-CoV-2-Infektion möglichst auszuschließen. Dies ist uns bislang auch gelungen.“ Ob die Situation auch in Deutschland so dramatisch ist, wie es die Studiendaten vermuten lassen, soll möglichst bald durch weitere Auswertungen geklärt werden. Momentan sind alle chirurgischen Kliniken in Deutschland dringend aufgerufen, sich an der CovidSurg Kohorten-Studie zu beteiligen.

Mit dem Coronavirus SARS-CoV-2  infizierte Patienten, die sich einer Operation unterziehen mussten, haben ein stark erhöhtes Risiko, postoperativ zu versterben, wie eine neue weltweit durchgeführte Studie zeigt, die aktuell in Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde. Dazu untersuchten die Forscher Daten von 1.128 Patienten aus 235 Krankenhäusern in 24 Länder. Diese repräsentieren vor allem die Situation in Europa, auch einige Krankenhäuser in Afrika, Asien und Nordamerika waren beteiligt.

Nach den  jetzt veröffentlichten Ergebnissen, die unter der Leitung der NIHR Global Research Health Unit on Global Surgery an der Universität Birmingham ausgewertet wurden, haben SARS-CoV-2-infizierte Patienten, die sich einer Operation unterziehen, wesentlich schlechtere postoperative Ergebnisse als ohne die Infektion. Insgesamt lag die Mortalität während der ersten 30 Tage nach der Operation bei 23,8 Prozent. Dabei war die Mortalität in allen Untergruppen unverhältnismäßig hoch. Dies betraf sowohl elektive chirurgische Eingriffe (18,9 Prozent), Notfalloperationen (25,6 Prozent), kleinere Operationen (16,3 Prozent) als auch größere chirurgische Eingriffe (26,9 Prozent).

In der Studie wurde weiterhin festgestellt, dass die Sterblichkeitsrate von Männern (28,4 Prozent) verglichen mit der von Frauen (18,2 Prozent) aber auch bei älteren Patienten über 70 Jahren (33,7 Prozent) gegenüber jüngeren Patienten (13,9 Prozent) stark erhöht war. Zu den Risikofaktoren für die postoperative Mortalität zählen neben Alter und Geschlecht auch vorbestehende schwere Erkrankungen, wie etwa Krebs, große Eingriffe und Notfalloperationen.

Der Tübinger Mitautor der Studie, Prof. Dr. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie, kommentierte den Bericht: „Normalerweise erwarten wir, dass die Sterblichkeitsrate von Patienten, die sich elektiven Operation unterziehen, unter einem Prozent liegt. Diese Studie zeigt nun aber, dass die Sterblichkeitsrate bei Patienten, die mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert sind, selbst bei Routineoperationen ganz wesentlich erhöht ist. Tatsächlich ist die Sterblichkeitsrate so stark erhöht, dass sie mit dem Mortalitätsrisiko von Hochrisiko-Patienten vor der Pandemie vergleichbar ist.“ Ob sich diese Zahlen auch auf deutsche Krankenhäuser übertragen lassen, soll aktuell mit zusätzlichen Daten vordringlich analysiert werden.

Ziel muss es jetzt also sein, nicht nur bei Notfalleingriffen sondern auch vor geplanten Operationen alles zu tun, um eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 möglichst auszuschließen. In Tübingen wurde deshalb eine telefonische Kontaktaufnahme mit den Patienten am Vortag der geplanten stationären Aufnahme und eine fokussierte Eingangsbewertung in Verbindung mit einem Abstrich bei Risikopatienten am Aufnahmetag etabliert. Ebenso gibt es auditierte Verfahrensanweisungen für alle Mitarbeiter und eine strenge Isolierung von Patienten mit nachgewiesener Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2, um das Risiko, sich in der Klinik damit anzustecken, praktisch auszuschließen. „Dank dieser Maßnahmen ist es in Tübingen bislang gelungen, keinen einzigen Patienten mit einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu übersehen oder für eine planbare Operation aufzunehmen“, so Königsrainer.

Titel der Originalpublikation

Mortality and pulmonary complications in patients undergoing surgery with perioperative SARS-CoV-2 infection: an international cohort study; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31182-X  

Hintergrundinformationen

Die CovidSurg Collaborative ist ein Forschungsnetzwerk, das sich auf die Untersuchung der Auswirkungen der Coronavirus Pandemie für die chirurgische Versorgung spezialisiert hat. Am Netzwerk sind zwischenzeitlich viele tausend Chirurgen und Forscher aus über 120 Ländern beteiligt. CovidSurg führt aktuell zwei große Kohorten-Studien durch, in denen Daten zur chirurgischen Versorgung von Patienten weltweit gesammelt und ausgewertet werden; bisher sind Daten von über 20.000 Patienten aus über 700 Krankenhäusern in 72 Ländern verfügbar.

Prof. Dr. Alfred Königsrainer und Dr. Markus Quante sind die klinischen Studienleiter in Tübingen, die gemeinsam mit weiteren Kollegen die CovidSurg Studie durchführen und an dieser weltweiten Initiative mitarbeiten.

Dr. Markus Löffler ist Mitglied im nationalen Leitungsgremium der CovidSurg Collaborative und unterstützt die Initiative und die Studiendurchführung in Deutschland.