Krebserkrankungen der Verdauungsorgane: Mehr Ursachenforschung und eine bessere Aufklärung sind dringend notwendig

Jahrespressekonferenz der DGVS

Berlin – Mehr Forschung zu den Ursachen von Krebserkrankungen in den Verdauungsorganen, eine wirksamere Aufklärung über die Folgen eines ungesunden Lebensstils und eine effektivere Früherkennung, die alle sozialen Gruppen gleichermaßen erreicht – das hat die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) gestern auf ihrer Jahrespressekonferenz 2024 gefordert. Mit diesen Maßnahmen könne es gelingen, die Zahl von derzeit jährlich rund 100 000 Menschen, die infolge einer Krebserkrankung der Verdauungsorgane sterben, deutlich zu senken. Dazu tragen laut DGVS auch vielversprechende Entwicklungen bei, wie die KI-gestützte Endoskopie oder auch die Präzisionsmedizin. Letztere ermögliche schon heute eine personalisierte Behandlung von Patienten mit Krebs der Verdauungsorgane, aber auch mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Krebserkrankungen in Magen, Darm und Co. sorgen in Deutschland jedes Jahr für rund 100 000 Todesfälle und über 300 000 Behandlungsfälle im Krankenhaus. Während die Zahl der Neuerkrankten etwa bei Darmkrebs seit der Einführung der Vorsorge-Koloskopie sinkt, beobachten Fachleute insgesamt bei Menschen unter 50 Jahren steigende Erkrankungszahlen. „Diese besondere Gruppe der jungen Krebserkrankten, sogenannte ‚Young onset cancers‘ oder ‚Early onset cancers‘, stellt eine besondere Herausforderung hinsichtlich der Erkennung, Behandlung und Prävention dar“, erklärte Professor Dr. med. Matthias Ebert, Direktor der II. Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Ernährungsmedizin der Universitätsmedizin Mannheim auf der Pressekonferenz.

Nach wie vor sei weitgehend unklar, warum und wie sich die Krebserkrankungen in diesem Patientenkollektiv entwickeln. Wer jung an Krebs erkranke, müsse länger mit möglichen Folgen einer chirurgischen Therapie leben, berichtete der Mannheimer Gastroenterologe. „Veränderte Ernährungsgewohnheiten, ein Stoma oder eine teilweise Entfernung des betroffenen Verdauungsorgans können große Auswirkungen auf Lebensqualität, Familienplanung, Partnerschaft und andere Lebensbereiche haben“, so Ebert. Dies müssten Patienten, Angehörige und Behandelnde im Rahmen der Therapieplanung gemeinsam besprechen.

Endoskopie: schonend, zuverlässig – und mit KI noch leistungsfähiger?
Schonend und zuverlässig lassen sich durch eine Endoskopie Vorstufen und Frühformen einer Krebserkrankung entfernen, bevor sie sich weiter auswachsen. „Gerade bei verdächtigen Gewebe- Veränderungen und frühen Tumoren der Speiseröhre, im Magen sowie im Dünn- und Dickdarm ist es sinnvoll, das betroffene Gewebe zunächst mit einem endoskopischen Eingriff zu entfernen und anschließend im in der Pathologie zu untersuchen. Wichtig ist hier die komplette Entfernung des Befundes mit dem richtigen endoskopischen Verfahren in erfahrenen Händen. So können wir den Patienten unnötige Operationen ersparen“, erklärte Professor Dr. med. Ulrike Denzer, Leiterin der Sektion Endoskopie der Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Zeige das Resektat ein hohes Risikoprofil, sei eine chirurgische Operation mit Lymphknotenentfernung nach wie vor möglich und nötig.

Ob bösartige Gewebe-Veränderungen bereits im Rahmen der Endoskopie erkannt werden, hängt stark von der Erfahrung und Expertise der Ärzt*innen ab. „Kolleg*innen mit großer Erfahrung erkennen bösartige Wucherungen mit den gängigen Methoden mit 70- bis 90-prozentiger Genauigkeit“, so Denzer. Der Einsatz künstlicher Intelligenz könne helfen, dass noch mehr frühe Tumore im Endoskop erkannt werden. Das legen mehrere Studien zu unterschiedlichen Tumorarten im Magen-Darm-Trakt nahe. Der Effekt sei bei Trainees und weniger erfahrenen Untersuchenden stärker ausgeprägt, gab die Marburger Expertin zu bedenken. „Bei Frühtumoren in Speiseröhre und Magen kann KI schon heute dazu beitragen, die diagnostische Genauigkeit bei weniger Endoskopie-Erfahrenen auf Expertenlevel zu heben.“

Krebs und CED: Präzisionsmedizin gibt neue Hoffnung

Auch die relativ junge Fachdisziplin der Präzisionsmedizin zeigt neue Behandlungsmöglichkeiten auf. „Die Präzisionsmedizin kombiniert evidenzbasierte Therapieempfehlungen mit einer innovativen Diagnostik, indem sie der Behandlung die genaue Genetik des Tumors der Betroffenen zugrundelegt“, sagte Professor Dr. med. Nisar Malek, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Tübingen. Insbesondere schwerkranke Patienten mit gastrointestinalen Tumoren könnten von der Präzisionsmedizin profitieren.

Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sieht der Tübinger Experte ein großes Potenzial für die Präzisionsmedizin. „Mit der personalisierten Entzündungsmedizin versuchen wir, präzise vorherzusagen, wie einzelne Patienten auf die Therapie ansprechen. Ziel ist es, Nebenwirkungen der Therapie zu minimieren, um ihnen und ihnen möglichst lange eine hohe Lebensqualität zu bieten“, so Malek. Es gäbe bereits zahlreiche Wirkstoffe, die sich gegen Botenstoffe im entzündeten Gewebe richten und ihre Wirkung im ganzen Körper entfalten können. „Wir charakterisieren zunächst das Entzündungsgeschehen in all seinen an der Inflammation beteiligten Faktoren und sprechen dann eine passgenaue Therapieempfehlung aus“, so der Experte aus Tübingen. Aus Rheumatologie und Dermatologie lägen bereits Positivbeispiele für den Erfolg dieser Methode vor. Von diesen Erfahrungen könnten gastroenterologische Patienten nun profitieren.

DGVS appelliert: Wirksame Prävention braucht mehr Forschung

DGVS-Präsident Professor Dr. med. Heiner Wedemeyer schlug den Bogen zum Status quo der Krebsprävention in Deutschland und stellt positive Entwicklungen der Gastroenterologie heraus. „Seit Einführung der Darmkrebsvorsorge im Jahr 2002 gibt es 20 Prozent weniger Darmkrebsfälle und auch die Darmkrebs-bedingte Sterblichkeit ist deutlich gesunken.“ Ähnlich positiv sei die Entwicklung bei Magen- und Leberkrebs. Zugleich forderte er, mehr in Forschung zu investieren: „Wir wissen immer noch nicht genug darüber, wie der Klimawandel, Mikroplastik und andere Umweltfaktoren oder bestimmte Nahrungsbestandteile, die Zusammensetzung des Mikrobioms das Krebsrisiko beeinflussen“, erklärte der Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Neben einer intensivierten Forschung hält der DGVS-Präsident auch die Diskussion über staatliche Vorgaben und höhere Steuern auf ungesunde Lebensmittel für dringend notwendig. „Leider sind alkoholische Getränke derzeit häufig preisgünstiger als Mineralwasser und über eine ‚Zuckersteuer‘ wird nur sehr zaghaft nachgedacht“, so DGVS-Präsident Wedemeyer. Außerdem erreichten die bestehenden Präventionsangebote bestimmte soziale Gruppen derzeit nicht. „Wirksame Prävention beginnt mit der Aufklärung in Schulen, am Arbeitsplatz und in der breiten Öffentlichkeit“, betonte der Experte. „Es gibt viele Maßnahmen, wie sich Krebs der Verdauungsorgane besser und effektiver verhindern lässt, deren Umsetzung erfordert aber politischen Willen, medizinischen Sachverstand und weitere wissenschaftliche Untersuchungen, vor allem aber Aufklärung und gesellschaftliche Akzeptanz!“

Die Gastroenterologie biete aufgrund ihrer fachlichen Breite viele Möglichkeiten in der Prävention und Behandlung von Krebs, ergänzte DGVS-Mediensprecherin PD Dr. med. Birgit Terjung. Denn Gastroenterolog*innen seien Expert*innen für ein ganzes Organsystem, bestehend aus 7 Metern Darm, der Speiseröhre, dem Magen, Leber, Galle und der Bauspeicheldrüse. „Um Krebserkrankungen der Verdauungsorgane, die sich in sehr unterschiedlichen Symptomen äußern können, zu erkennen und korrekt zu behandeln, sind wir häufig als ‚spezialisierte Allrounder‘ gefragt“, so die Chefärztin der Abteilung für Innere Medizin/Gastroenterologie am St. Josef Hospital der GFO Kliniken Bonn. „Diese breite Basis ermöglicht es uns Gastroenterolog*innen, unsere Patienten im Kontext der Prävention, Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen optimal zu begleiten“, stellte Terjung fest. 

Quellen:

Lammert, F. (Ed.), Lynen Jansen, P. (Ed.), Lerch, M. (Ed.) & Wedemeyer, H. (2023). Weissbuch Gastroenterologie 2023/24. Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, der Leber und der Bauchspeicheldrüse – Gegenwart und Zukunft. Berlin, Boston: De Gruyter.

Jelmer B Jukema et al. Computer-aided Diagnosis improves Characterization of Barrett’s Neoplasia by General Endoscopists. Gastrointest Endosc . 2024 Apr 16:S0016-5107(24)00233-5. doi: 10.1016/j.gie.2024.04.013. Online ahead of print.

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Heute vereint sie über 7000 in Klinik und Forschung tätige Ärztinnen und Ärzte unter einem Dach. Die DGVS fördert sehr erfolgreich wissenschaftliche Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und Fortbildungen und unterstützt aktiv den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ein besonderes Anliegen ist der DGVS die Entwicklung von Standards und Behandlungsleitlinien für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Verdauungsorgane – zum Wohle der Patientinnen und Patienten.