Multiple Sklerose

Deeskalation der MS-Therapie im Alter

MedWiss – Mit zunehmend besserem Verständnis der Multiplen Sklerose (MS) und einer größeren Auswahl an Wirkstoffen können Patienten mittlerweile ein längeres Leben mit weniger MS-bedingten Einschränkungen führen, als es noch vor wenigen Jahrzehnten denkbar gewesen wäre. Wie sollte aber die Therapie der MS bestmöglich an ein nun häufiger höheres Lebensalter angepasst werden?


Mit zunehmend besserem Verständnis der Multiplen Sklerose (MS) und einer größeren Auswahl an Wirkstoffen können Patienten mittlerweile ein längeres Leben mit weniger MS-bedingten Einschränkungen führen, als es noch vor wenigen Jahrzehnten denkbar gewesen wäre.1 Dass nun MS-Patienten im Schnitt deutlich älter werden, wirft jedoch auch neue Fragen dazu auf, wie die Therapie der MS bestmöglich an das höhere Lebensalter angepasst werden sollte.

Altern und MS: Was bedeutet dies für die Therapie?

Die MS-Erkrankung scheint mit zunehmendem Alter weniger mit aktiven Schüben zu verlaufen, zeigte eine Untersuchung mit insgesamt 40 428 Personen mit MS in Deutschland. Dies ist jedoch kein Grund zur Entwarnung: Im Mittel wurden stärkere Behinderungsgrade bei Patienten ab 65 Jahren im Vergleich zu Jüngeren festgestellt.2

Niedrigere Schubrate, aber schlechtere Erholung von Schüben

Denn es ändert sich nicht nur die Schubrate mit dem Alter, sondern auch wie gut sich Betroffene von einem Schub erholen. Hierbei ist ein höheres Alter jedoch von Nachteil. Eine krankheitsmodifizierende Therapie hingegen geht mit besserer Erholung von Schüben einher, fand eine Untersuchung in den USA. Dies kann bei älteren Menschen mit MS für eine Deeskalation statt für ein Therapieende sprechen.3

Immunseneszenz und höheres Infektrisiko

Mit zunehmendem Alter altert auch das Immunsystem. Angesichts dieser Immunseneszenz kann eine weniger immunsuppressive MS-Therapie relevanter werden. Besonders deutlich wird dies anhand von Infektionen: Die Analyse eines Patienten-Registers in Deutschland zeigte eine höhere Infektanfälligkeit bei älteren MS-Patienten auf, mit Harnwegsinfekten bei 5,1 % der Patienten ab 65 Jahren im Vergleich zu 2,2 % der Patienten unter 55 Jahren oder Herpes simplex-Infektionen bei 7,6 % ab 65 Jahren versus 3,2 % unter 55 Jahren.2 Eine MS-Therapie, die das Immunsystem zusätzlich zum Alter dämpft, könnte Infektrisiken verstärken.

Begleiterkrankungen: Zwischen Polymedikation und Einfluss auf den MS-Verlauf

Ein weiteres, mit dem Alter zunehmend wichtiges Thema sind Komorbiditäten. Hierbei denkt man oft zuerst an die typischerweise damit verbundene Polymedikation und ihre Risiken. Begleiterkrankungen selbst können jedoch zusätzlich den Verlauf der MS beeinflussen. So zeigte eine Untersuchung mit 913 Patienten, dass kardiovaskuläre Risikofaktoren (Rauchen, Adipositas, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder bereits bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen) einen progressiven Verlauf der MS wahrscheinlicher machen. Das Risiko für einen progressiven Verlauf der MS war mit 2 – 3 kardiovaskulären Risikofaktoren um den Faktor 2,8 höher als für einen stabilen Verlauf (Odds Ratio, OR: 2,811; p = 0,001), bei 4 – 5 Risikofaktoren war das Risiko sogar verzehnfacht (OR: 9,811; p < 0,001). Auch das höhere Alter selbst führte häufiger zu einem progressiven Verlauf der MS (ab 60 Jahren: OR: 2,092; p = 0,024). Eine krankheitsmodifizierende MS-Therapie, ob Plattform- oder hochaktive Therapie, spielte hingegen eine stabilisierende Rolle und senkte das Risiko für progressive Verläufe.4

Therapiewahl individuell und mit Blick auf das Alter und Risikofaktoren optimieren

Ein zunehmendes Alter kann demnach aufgrund von Immunseneszenz, schlechterer Erholung von Schüben und möglichen Wechselwirkungen mit Medikationen für Begleiterkrankungen für eine Deeskalation der MS-Therapie sprechen. Aktuelle Einschätzungen warnen jedoch vor einem verfrühten Therapiestopp, da eine krankheitsmodifizierende Therapie das Risiko für Progression der Erkrankung senkt und die Erholung von Schüben verbessern kann.5

 

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Mit freundlicher Unterstützung der Bayer Vital GmbH

 

Referenzen

1: Hua LH, Hersh CM, Tian F, Mowry EM, Fitzgerald KC. Clinical characteristics of a large multi-center cohort of people with multiple sclerosis over age 60. Mult Scler Relat Disord. 2021 Jan;47:102637. doi: 10.1016/j.msard.2020.102637. Epub 2020 Nov 23. PMID: 33276238; PMCID: PMC8293698.  https://www.livivo.de/doc/M33276238

2: Goereci Y, Ellenberger D, Rommer P, Dunkl V, Golla H, Zettl U, Stahmann A, Warnke C. Persons with multiple sclerosis older than 55 years: an analysis from the German MS registry. J Neurol. 2024 Mar 22. doi: 10.1007/s00415-024-12286-4. Epub ahead of print. PMID: 38517521. https://www.livivo.de/doc/M38517521

3: Sotiropoulos MG, Lokhande H, Healy BC, Polgar-Turcsanyi M, Glanz BI, Bakshi R, Weiner HL, Chitnis T. Relapse recovery in multiple sclerosis: Effect of treatment and contribution to long-term disability. Mult Scler J Exp Transl Clin. 2021 May 28;7(2):20552173211015503. doi: 10.1177/20552173211015503. PMID: 34104471; PMCID: PMC8165535. https://www.livivo.de/doc/M34104471

4: Pfeuffer S, Wolff S, Aslan D, Rolfes L, Korsen M, Pawlitzki M, Albrecht P, Havla J, Huttner HB, Kleinschnitz C, Meuth SG, Pul R, Ruck T. Association of Clinical Relapses With Disease Outcomes in Multiple Sclerosis Patients Older Than 50 Years. Neurology. 2024 Jul 23;103(2):e209574. doi: 10.1212/WNL.0000000000209574. Epub 2024 Jun 13. PMID: 38870471; PMCID: PMC11244741. https://www.livivo.de/doc/M38870471

5: Mrochen A, Meuth SG, Pfeuffer S. Should we stay or should we go? Recent insights on drug discontinuation in multiple sclerosis. Neurol Res Pract. 2025 Apr 21;7(1):25. doi: 10.1186/s42466-025-00379-y. PMID: 40254626; PMCID: PMC12010584. https://www.livivo.de/doc/M40254626