Wie sich Gewalterfahrungen auf die Psyche auswirken

Neue Studie soll zeigen, warum Menschen unterschiedlich auf Traumata reagieren

Gewalterfahrungen hinterlassen bei vielen Menschen tiefe Spuren, die sie ihr Leben lang begleiten – andere hingegen erholen sich und können das Erlebte irgendwann hinter sich lassen. Warum das so ist und wie es zu diesen Unterschieden kommt, diesen Fragen widmet sich die Studie „Leben nach Gewalt“ unter Beteiligung der Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg.

Mit der neuen Studie „Leben nach Gewalt“ wollen Forscherinnen und Forscher der Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg herausfinden, wie sich Gewalterfahrungen auf die psychische Gesundheit auswirken – und warum Menschen unterschiedlich auf solche Erlebnisse reagieren. Die Studie wird vom Land Hessen im Rahmen des LOEWE-Programmes (Landes-Initiative zur Entwicklung von Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz) finanziert, womit das Land Hessen gezielt Spitzenforschung fördert; es ist Teil des großen Forschungsprojektes DYNAMIC, in dem Forscher und Forscherinnen wissenschaftlicher Einrichtungen in Frankfurt, Gießen, Marburg und Darmstadt zusammenarbeiten, geleitet von Winfried Rief und Andreas Reif. Gestellt haben den Antrag Regina Steil und Rolf van Dick von der Universität Frankfurt, Christiane Hermann von der Universität Gießen, und Nina Alexander von der Universität Marburg, gemeinsam leiten sie die Studie auch.

Was untersucht die Studie?

Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, welche seelischen Beschwerden nach Gewalterfahrungen vorliegen, wie sie sich im Alltag zeigen, mit der Zeit verändern und miteinander zusammenhängen. Dazu werden psychologische, biologische und soziale Faktoren zusammen betrachtet – ein Ansatz, der in dieser Form neu ist.
Die Teilnehmenden werden über mehrere Wochen begleitet: Ihre Situation wird mit Hilfe von Fragebögen, Interviews und biologischen Messungen (z. B. Haarproben) untersucht. Darüber hinaus berichten sie über eine speziell entwickelte Smartphone-App, wie es ihnen im Alltag geht, was sie belastet oder stärkt. So entsteht ein differenziertes Bild des seelischen Erlebens im Alltag nach Gewalterfahrungen. Für die Studie werden Menschen gesucht, die nach einer Gewalterfahrungen psychisch krank sind, aber auch solche, die nach einer Gewalterfahrung nur wenige Beschwerden haben.

Warum ist das wichtig?Gewalt kann tiefgreifende seelische und körperliche Folgen haben. Manche Betroffene entwickeln eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine komplexe PTBS, andere bleiben trotz ähnlicher Erfahrungen erstaunlich stabil. Die Forschenden wollen besser verstehen, welche Prozesse und Voraussetzungen dabei eine Rolle spielen – etwa, wie Symptome wie Schlafstörungen, Anspannung oder Selbstzweifel miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen.
Mit Hilfe moderner Analysemethoden, sogenannter dynamischer psychologischer Netzwerke, soll ein neues, ganzheitliches Modell der Traumafolgen entstehen. Dieses Wissen könnte langfristig dazu beitragen, Diagnostik und Therapie individuell besser abzustimmen und Betroffene gezielter zu unterstützen.

Teilnahmebedingungen

Gesucht werden Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren, die mindestens einmal in ihrem Leben körperliche Gewalt (z.B. eine körperliche Attacke, ein sexueller Kindesmissbrauch, eine Vergewaltigung oder eine andere Form von körperlicher Gewalt) erlebt haben. Die Teilnahme an der ca. vierwöchigen Untersuchungsphase wird mit bis zu 420 Euro vergütet. Teilnehmende erhalten außerdem eine umfassende Einschätzung Ihrer psychischen Gesundheit und bei Vorliegen von psychischen Störungen eine Beratung zu passenden Behandlungsmöglichkeiten.

Ablauf der Studie

Nach einer telefonischen Kontaktaufnahme findet zunächst ein kurzes Screening zur Prüfung der Eignung für die Studienteilnahme statt. Die Studie selbst umfasst insgesamt drei Termine.
Die ersten beiden Termine dauern jeweils etwa drei bis vier Stunden. Dabei werden ausführliche strukturierte Interviews zu traumatischen Erfahrungen sowie zu psychischen Symptomen durchgeführt. Zusätzlich bearbeiten die Teilnehmenden standardisierte Fragebögen. Am zweiten Termin werden zusätzlich Bioproben (Speichel- und Haarproben) entnommen, und die Teilnehmer erhalten eine Einweisung in die tägliche Datenerhebung am Smartphone via mPath.
Anschließend folgt eine dreiwöchige Phase der Erfassung im Alltag (Ecological Momentary Assessment, EMA). In dieser Zeit beantworten die Teilnehmenden mehrmals täglich kurze Fragen per Smartphoneapp zu aktuellen Gefühlen, Gedanken und Symptomen, um deren zeitliche Dynamik im Alltag abzubilden.
Den Abschluss bildet eine Sitzung von etwa einer Stunde, in der offene Fragen geklärt, Erfahrungen mit der Studie besprochen werden und die Teilnahme abgeschlossen wird.

Zitat der Studienleitung

„Wir möchten verstehen, was genau im Menschen passiert, wenn dieser eine körperliche Gewalterfahrung macht, was sich dadurch genau verändert“, erklärt Regina Steil, eine der Studienleiterinnen. „Wenn wir die zugrundeliegenden Mechanismen kennen, können wir Betroffene besser unterstützen.“

Kontakt und weitere Informationen

Homepage der Studie →
E-Mail-Kontakt: Lebennachgewalt@psych.uni-frankfurt.de bzw. Lebennachgewalt@uni-giessen.de