Behandelbare Tropenkrankheit Tungiasis kostet bis zu 575.000 gesunde Lebensjahre pro Jahr weltweit

Tungiasis trifft vor allem benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Subsahara-Afrika und Brasilien. Die Erkrankung wird durch Eindringen von Sandflöhen in die Haut ausgelöst. Sie kann starken Juckreiz, Schmerzen und Entzündungen verursachen und zu Sekundärinfektionen, Wundbrand und dauerhaften Hautveränderungen führen. Sekundärinfektionen und Begleiterkrankungen können auch tödlich verlaufen. Jährlich werden 379.645 Lebensjahre durch Krankheit und Behinderung beeinträchtigt; werden Begleiterkrankungen einbezogen, sind es bis zu 575.298. Das hat eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung von Forschenden des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin herausgefunden.

Die Studie mit dem Titel “Estimation of the global burden of tungiasis in endemic countries using a disability adjusted life-years modelling approach” ist in der Fachzeitschrift “BMC Global and Public Health” erschienen und online abrufbar. Sie bietet erstmals eine Grundlage zur international koordinierten Bekämpfung von Tungiasis.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tungiasis seit 2021 in ihrer Roadmap zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten als Priorität führt, war die weltweite Gesundheitsbelastung durch die Erkrankung bislang nicht bekannt. Für die nun in BMC Global and Public Health veröffentlichte Studie schätzte ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Forschenden vom Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin der Freien Universität Berlin zunächst die Krankheitsverbreitung und berechnete daraus die sogenannten Disability-Adjusted Life Years (DALYs). Diese Kennzahl fasst sowohl durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre als auch durch Krankheit und Behinderung beeinträchtigte Lebensjahre zusammen.

„Die Modellstudie ermöglicht erstmals einen quantitativen Blick auf die weltweite Krankheitslast durch Tungiasis. Sie bietet damit einen wichtigen Ausgangspunkt und zeigt zugleich, wo bessere Daten zur Verbreitung der Erkrankung und spezifische Schätzungen ihrer gesundheitlichen Folgen benötigt werden“, sagt Prof. Dr. Georg von Samson-Himmelstjerna vom Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin und Mitglied des Autorenteams der Studie. Da die Übertragungskette Menschen, Haustiere und die Umwelt umfasst raten die Forschenden zur Bekämpfung von Tungiasis unter anderem die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) einzubeziehen.

Um die Datenbasis zu verbessern, empfehlen die Forschenden zunächst groß angelegte Prävalenzstudien in mehreren Ländern mit hoher Krankheitslast wie Äthiopien, Nigeria, Brasilien, Burundi und Madagaskar. Die Untersuchungen sollten unterschiedliche Regionen West-, Zentral- und Ostafrikas sowie Südamerikas abdecken und vergleichbare Daten zur Verbreitung der Erkrankung liefern. Ergänzend könnten Expertenschätzungen im Rahmen des Global-Burden-of-Disease-Ansatzes spezifische Gewichtungen für die durch Tungiasis verursachten Einschränkungen ermöglichen. Bislang wurden dafür auf Symptomen basierende, bereits für andere Erkrankungen entwickelte Gewichtungen verwendet.

In absoluten Zahlen liegt die Belastung durch Tungiasis in einer ähnlichen Größenordnung wie die durch bodenübertragene Wurmerkrankungen wie Echinokokkose, Toxokarose und Fasziolose. Pro Kopf gerechnet ist die geschätzte Belastung sogar höher als bei bodenübertragenen Wurmerkrankungen und Schistosomose, einer Erkrankung, die durch parasitäre Saugwürmer beim Kontakt mit kontaminiertem Süßwasser übertragen wird. (jkr)

Weitere Informationen

– Die Studie “Estimation of the global burden of tungiasis in endemic countries using a disability adjusted life-years modelling approach” ist in BMC Global and Public Health erschienen und online abrufbar: https://doi.org/10.1186/s44263-026-00318-2