Zentrale Sensitivierung und chronisches Schmerzsyndrom bei Endometriose
Original Titel:
Central sensitization in women with endometriosis: a cross-sectional study.
- Wenn sich Schmerzen im Gehirn verselbständigen und verstärken: Noziplastischer Schmerz und zentrale Sensitivierung
- Wie häufig ist zentrale Sensitivierung bei Frauen mit Endometriose?
- Beobachtende Querschnittsstudie mi t142 Frauen mit Endometriose oder Adenomyose
- Möglicherweise jede 2. Patientin betroffen: Früherkennung und multimodale Behandlung wichtig
MedWiss – Frauen mit Endometriose oder Adenomyose könnten häufig von zentraler Sensitivierung, einer Form von noziplastischen Schmerzen, betroffen sein, fand eine beobachtende Querschnittstudie mit 142 Patientinnen. Möglichst frühzeitig Hinweise auf ein solches zentrales Schmerzsyndrom zu identifizieren wäre wichtig, um Patienten effektiv beraten zu können und eine wirksame multimodale Behandlung ergänzend zur konventionellen Therapie anzugehen. Weitere Studien sollen diese Ergebnisse und mögliche Methoden zur Früherkennung prüfen.
Schmerz ist eines der primären Symptome der Endometriose und kann sich chronifizieren und damit zu einer noch größeren Belastung werden. Dahinter stehen neuroinflammatorische Mechanismen, die zu neuropathischen und schließlich noziplastischen Schmerzen führen können.
Wenn sich Schmerzen im Gehirn verselbständigen und verstärken: Noziplastischer Schmerz und zentrale Sensitivierung
Der Begriff “noziplastische Schmerzen” wurde nach nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen als dritte Schmerzkategorie eingeführt. Nozizeptive Schmerzen stellen eine Reaktion auf akute Inflammation und Gewebeschäden dar, neuropathische Schmerzen werden durch Nervenschäden ausgelöst. Die noziplastischen Schmerzen hingegen werden unter anderem einer veränderten Reaktion des Gehirns auf Schmerzen und einer gesteigerten zentralen Verarbeitung von Schmerz- und Sinneseindrücken zugeschrieben. Diese Art von Schmerz spricht auf andere Therapien an als die anderen Schmerzarten. Speziell wirken peripher gerichtete Therapien, die üblicherweise schmerzlindernd sind, weniger oder gar nicht. Zentrale Sensitivierung ist eine Form des noziplastischen Schmerzes, die mit einer Reihe von chronischen Schmerzsyndromen assoziiert ist, die zusammen als zentrales Sensitivierungssyndrom bezeichnet werden. Dazu werden beispielsweise Fibromyalgie und das Reizdarmsyndrom gezählt.
Wie häufig ist zentrale Sensitivierung bei Frauen mit Endometriose?
Wissenschaftler untersuchten nun in einer beobachtenden Querschnittsstudie in einem Studienzentrum, wie häufig eine zentrale Sensitivierung bei Frauen mit Endometriose auftrat. Patientinnen mit einer laparoskopisch oder mittels Ultraschall bestätigten Diagnose von Endometriose oder Adenomyose wurden zwischen 1. Februar 2023 und 31. August 2023 zur Teilnahme eingeladen. Demographische und klinische Daten der Frauen wurden als Faktoren zur Analyse einer Befragung zu einer möglichen zentralen Sensitivierung (Central Sensitization Inventory, CSI) berücksichtigt. Die Befragung wurde entwickelt, um das Ausmaß von Symptomen eines chronischen überlappenden Schmerzsyndroms zu quantifizieren und damit den Grad der Beeinträchtigung der Patienten mit chronischem Schmerz zu erfassen. Ein CSI-Score ≥ 40 wurde als Hinweis auf ein zentrales Sensitivierungssyndrom gewertet.
Beobachtende Querschnittsstudie mit 142 Frauen mit Endometriose oder Adenomyose
Insgesamt füllten 142 Frauen im durchschnittlichen Alter von 36,98 Jahren (± 8,86 Jahre) den CSI-Fragebogen vollständig aus. Bei 12,6 % der Frauen bestand ein unerfüllter Kinderwunsch, 63,3 % waren zuvor bereits abdominal operiert worden. Mehr als jede 3. Frau (39,4 %) hatte eine Adenomyose-Diagnose, bei 72,3 % bestand eine Endometriose, bei 15,4 % bestanden sowohl Adenomyose als auch Endometriose. Als Schmerzsymptome wurden besonders häufig Dysmenorrhö (31,6 %), chronische Unterbauchschmerzen (19,7 %) und Dyspareunie (15,4 %) genannt.
Die Prävalenz zentraler Sensitivierung betrug 52,1 %. Nur zwei spezifische Symptombilder der Endometriose, Dyspareunie und Vulvodynie, waren signifikant mit zentraler Sensitivierung assoziiert (p < 0,001). Andere Symptome oder Arten von Endometriose standen hingegen nicht damit in Zusammenhang. Allerdings war die zentrale Sensitivierung mit Beginn der Symptome vor über 5 Jahren versus weniger als 5 Jahren assoziiert (p < 0,0001).
Möglicherweise jede 2. Patientin betroffen: Früherkennung und multimodale Behandlung wichtig
Die Autoren schließen, dass Frauen mit Endometriose demnach sehr häufig von zentraler Sensitivierung betroffen sein können. In der hier untersuchten Kohorte betraf dies jede 2. Patientin. Möglichst frühzeitig Hinweise auf ein solches zentrales Schmerzsyndrom zu identifizieren wäre wichtig, um Patienten effektiv beraten zu können und eine wirksame multimodale Behandlung ergänzend zur konventionellen Therapie anzugehen. Weitere Studien sind nötig, um diese Ergebnisse zu prüfen sowie den Einsatz des Fragebogens CSI zum Screening auf eine zentrale Sensitivierung zu validieren.
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