Fertilität

Die Ruhe nach dem Sturm: Neustart der ART-Behandlung im Zuge der COVID-19-Pandemie

Original Titel:
The calm after the storm: re-starting ART treatments safely in the wake of the COVID-19 pandemic.

Kurz & fundiert

  • Die Coronapandemie hat auch Kinderwunschzentren vor besondere Herausforderungen gestellt. Die European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) hat angesichts der zunehmenden Entspannung der Situation Empfehlungen für die sichere Wiederaufnahme des Praxisbetriebs unter Pandemiebedingungen zusammengestellt.
  • Im Mittelpunkt stehen die Auswahl der Patienten, geeignete Vorsichtsmaßnahmen für Personal und Patienten sowie die Planung des Behandlungszyklus.
  • Um weitere Erkenntnisse über den Einfluss von SARS-CoV-2 auf das erste und zweite Trimester zu gewinnen, ruft die ESHRE zur Publikation von Fallberichten auf.

MedWiss – Die Coronapandemie hat auch die Arbeit von Kinderwunschzentren stark eingeschränkt. Zu ihrer Unterstützung sammelt, analysiert und verteilt die ESHRE Erkenntnisse zum Coronavirus, die für Assistierte Reproduktionstechnik (ART) relevant sind. Im Fokus der Empfehlungen steht die Gestaltung des Neustarts der Behandlungen – auch im Hinblick auf weitere mögliche Pandemien. In der aktuellen Phase der Pandemie sinkt das Durchschnittsalter der COVID-19-Patienten, so dass zunehmend auch Paare, die sich einer ART unterziehen, betroffen sein können.


Insbesondere während der Eskalation der COVID-19-Pandemie (März/April 2020) reduzierten die meisten Kinderwunschzentren ihre Patientenzahl oder stellten den Betrieb vollständig ein. Seitens der Patienten, aber auch des Personals herrschte große Unsicherheit bezüglich der Aggressivität des Virus und einer möglichen Übertragung auf das Kind. Mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen können die Patientenzahlen nun langsam wieder gesteigert werden.  

Auswahl der Patienten: Vorgespräch und Einverständniserklärung

Eine angemessene Auswahl der Patienten dient einerseits der Zielsetzung, dass keine mit Corona infizierten, nicht diagnostizierten Patienten die Praxis besuchen; andererseits der Selektion von Patienten mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Letztere benötigen eine Beratung, ob eine Verschiebung die Kinderwunschbehandlung auf einen späteren Zeitpunkt sinnvoll ist.

Mit einer entsprechenden Einverständniserklärung sollten die Patienten ihrer Verpflichtung zustimmen, bei Änderungen ihrer Angaben oder dem Auftreten von Symptomen einer Coronainfektion umgehend das Praxispersonal zu informieren. Sinnvoll ist dabei auch ein Kapitel, mit dem bei Freunden und Verwandten des Paares ein Bewusstsein dafür geweckt wird, wie stark eine Coronainfektion eine Kinderwunschbehandlung gefährden kann.

Sowohl für Patienten als auch für Angestellte empfehlen die Autoren ein Triage-System, mit dem regelmäßig der Gesundheitszustand, charakteristische Symptome und der Lebensstil erfasst werden.

Planung des Behandlungszyklus

Durch die Planung aller Aktivitäten nach Maßgabe der räumlichen und personellen Kapazitäten kann jedes Zentrum einen geeigneten Schutz unter Einhalten aller nationalen und regionalen Vorgaben gewährleisten. Empfehlenswert ist der Beginn mit einer kleinen Patientenzahl, die gesteigert wird, wenn alle Abläufe reibungslos funktionieren.

Im Rahmen der ART können Standardverfahren zur Anwendung kommen, wenn bei beiden Partnern kein Hinweis auf eine Coronainfektion vorliegt (negative Triage). Bei positiver Triage oder positivem Testergebnis vor Auslösung des Eisprungs oder Auftauen des Embryos, sollte das Procedere unterbrochen und verschoben werden. Für Patienten, bei denen dies nicht möglich ist, erfolgen alle weiteren Schritte, z. B. die Anästhesie, im Sinne eines möglichst geringen Übertragungsrisikos. Erhält eine Patientin oder ihr Partner nach der Follikelpunktion einen positiven Coronabefund, empfiehlt die Arbeitsgruppe eine Kryokonservierung der Oozyten/Embryonen unter speziellen Sicherheitsmaßnahmen. Ein Embryotransfer ist nach Auffassung der Autoren nur bei asymptomatischen Paaren mit geringem Risiko für einen schweren Coronaverlauf vorzunehmen.

Publikation von Fallberichten

Die COVID-19-Arbeitsgruppe der ESHRE sammelt wissenschaftliche Informationen und bereitet diese auf. Darüber hinaus ruft sie Forscher und klinisch tätige Ärzte dazu auf, Fallberichte unter https://nl.surveymonkey.com/r/COVIDI9ART zu publizieren, um Erkenntnisse über den Einfluss von SARS-CoV-2 auf das erste und zweite Trimester zu erhalten.

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