Ein Ziel. Viele Wege: Warum Vielfalt die Stärke der Perinatalmedizin ist – Interview zum 32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin
Berlin. „Ein Ziel. Viele Wege.“ – dieses Motto beschreibt die Essenz der Perinatalmedizin: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern viele Ansätze, die alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten – die bestmögliche Gesundheit von Mutter und Kind. Kongresspräsident Professor Sven Kehl erklärt, warum Vielfalt und Zusammenarbeit entscheidend sind und wie moderne Technologien die Versorgung verändern, ohne den menschlichen Faktor zu ersetzen.
Herr Professor Kehl, was bedeutet das Motto „Ein Ziel. Viele Wege.“ konkret für die tägliche Arbeit in der Perinatalmedizin?
Prof. Kehl: Das Motto bringt auf den Punkt, was die Perinatalmedizin ausmacht: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern viele verschiedene Ansätze, um das gleiche Ziel zu erreichen – die bestmögliche Gesundheit von Mutter und Kind. Ob Pränataldiagnostik, Geburtshilfe oder Neonatologie – wir alle tragen mit unterschiedlichen Perspektiven dazu bei. Entscheidend ist, diese Vielfalt als Stärke zu begreifen und interdisziplinär zusammenzuarbeiten.
Welche technologischen Innovationen prägen aktuell die Perinatalmedizin – und wo sehen Sie das größte Potenzial?
Prof. Kehl: Wir erleben gerade eine Phase rasanten Fortschritts: von KI-gestützter Bildanalyse in der Pränataldiagnostik über sensorbasierte Überwachungssysteme bis hin zu Simulationstraining und digitalen Lernplattformen. Das größte Potenzial liegt jedoch nicht allein in der Technik, sondern darin, sie sinnvoll in klinische Prozesse zu integrieren – als Werkzeug, das Entscheidungen unterstützt, aber nicht ersetzt.
Wie verändert künstliche Intelligenz oder Telemedizin die Versorgung von Mutter und Kind?
Prof. Kehl: KI und Telemedizin werden die Perinatalmedizin nicht revolutionieren, sondern evolutionär verändern. Sie helfen, Informationen besser zu vernetzen, Risiken früh zu erkennen und Betreuung auch über Distanzen hinweg zu ermöglichen. Aber sie können Empathie, Erfahrung und den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Die Kunst wird sein, beide Welten klug zu verbinden.
Wie lässt sich die Versorgung von Frühgeborenen weiter verbessern – auch jenseits der Technik?
Prof. Kehl: Die größten Fortschritte entstehen dort, wo Medizin und Menschlichkeit zusammentreffen. Technische Perfektion ist wichtig, aber entscheidend sind Strukturen, die Eltern früh einbeziehen, Teams stärken und Übergänge – etwa zwischen Kreißsaal, Neonatologie und Nachsorge – besser verzahnen. Familienzentrierte Versorgung ist dabei kein Luxus, sondern Qualitätsmerkmal.
Wie kann die Geburtshilfe menschlicher und gleichzeitig medizinisch sicherer gestaltet werden?
Prof. Kehl: Menschlichkeit und Sicherheit sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander. Eine ruhige, respektvolle Atmosphäre, gute Kommunikation und klare Verantwortlichkeiten reduzieren nachweislich Komplikationen. Ebenso entscheidend sind verlässliche Strukturen – alles unter einem Dach, kurze Wege zwischen Kreißsaal, OP, Pränataldiagnostik und Neonatologie, eine funktionierende Infrastruktur und eingespielte Teams. In Kombination mit modernen Leitlinien, gezielter Ausbildung und regelmäßigem Teamtraining entsteht so das, was gute Geburtshilfe ausmacht: menschlich, kompetent und sicher.
Wie gehen Sie mit der Spannung zwischen medizinischer Machbarkeit und menschlicher Verantwortung um?
Prof. Kehl: Perinatalmedizin bewegt sich immer an der Grenze zwischen dem, was technisch möglich, und dem, was ethisch verantwortbar ist. Wir müssen lernen, nicht alles zu tun, was machbar ist, sondern das Richtige – für Mutter, Kind und Familie. Das erfordert Erfahrung, Reflexion und manchmal auch die Größe, innezuhalten.
Bei der Fülle an Veranstaltungen – welche ist ihr Highlight?
Prof. Kehl: Es gibt viele spannende Sessions, aber besonders freue ich mich auf die Diskussionen, in denen Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam Lösungen suchen – etwa zu KI in der Geburtshilfe, zur Versorgung extrem Frühgeborener oder zur Sicherheit in der Geburt. Denn dort entsteht das, was unser Motto meint: ein gemeinsames Ziel, viele Wege.
Die Fragen stellte Katrin Franz.
Alle Informationen sowie das Tagungsprogramm unter: dgpm-kongress.de