Multiple Sklerose
Herz-Kreislauf und neurologische Reserve bei MS
MedWiss – Unser Gehirn hat die Fähigkeit, kreativ alternative Wege zur Lösung von Aufgaben zu finden, wenn die Leistung unseres Denkapparats durch Verletzung oder Krankheit eingeschränkt wird. Welche Rolle diese ‚neurologische Reserve‘ bei Multipler Sklerose spielt, mit der Herzgesundheit zusammenhängt und wie sie sich erhalten und fördern lässt, untersuchten mehrere Studien.
Gedächtnisstörungen oder Schwierigkeiten, komplexen Gedankengängen zu folgen, bezeichnet man als kognitive Symptome. Solche Symptome sind eine bekannte, mögliche Folge der Multiplen Sklerose (MS) und führen zu einem breiten Spektrum an Einschränkungen in Alltag und Lebensqualität. In einem systematischen Review mit Metaanalyse über 50 Studien mit zusammen 5 859 Menschen mit MS fanden Wissenschaftler, dass bei 32,5 % der Patienten kognitive Symptome vorlagen. Besonders eine längere Erkrankungsdauer und höheres Alter schienen die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen. 1
Häufig kognitive Symptome bei MS
Um solche Symptome abzumildern, ihr Auftreten zu verzögern oder gar zu verhindern, versuchen Wissenschaftler, wesentliche Ursachen der Denkeinbußen zu ermitteln. Ein gut bekannter Auslöser ähnlicher Symptome bei Demenzerkrankungen sind Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, speziell der Blutgefäße. Diese sogenannten vaskulären Erkrankungen scheinen auch bei kognitiven Symptomen der MS eine Rolle zu spielen, fand eine Beobachtungsstudie. In einer Kohorte von MS-Patienten, deren Erkrankung in höherem Alter einsetzte (durchschnittlich im Alter von 51,2 Jahren), wiesen Personen mit vaskulären Begleiterkrankungen häufiger eine geringere kognitive Leistung auf. 2
Neurologische Reserve: Alternative Wege für Denkleistungen nutzen
Unser Gehirn hat die Fähigkeit, kreativ alternative Wege zur Lösung von Aufgaben zu finden, wenn die Leistung unseres Denkapparats durch Verletzung oder Krankheit eingeschränkt wird. Diese Fähigkeit bezeichnet man als ‚neurologische Reserve‘. Die neurologische Reserve ist ein zunehmend wichtiger werdendes Konzept zum Verständnis der Denkleistung bei MS. Je mehr Schäden das Gehirn erleidet, desto mehr nimmt die neurologische Reserve ab, und desto schwieriger wird es, alternative Ressourcen zu nutzen und komplexe Denkaufgaben zu lösen.
Vaskuläre Erkrankungen als Risiko für die neurologische Reserve
Eine Studie mit 105 Teilnehmern, davon 84,8 % Frauen, ermittelte die Häufigkeit von MS-begleitenden Gefäßerkrankungen und damit womöglich einhergehenden Veränderungen im Gehirn. Die Patienten im durchschnittlichen Alter von 51,8 Jahren (+/- 12,8 Jahre) litten im Mittel seit einem Alter von 29,4 Jahren (+/- 10,5 Jahre) an MS. Vaskuläre Begleiterkrankungen waren häufig: Etwa jeder 3. Patient (35,2 %) gab eine solche Erkrankung an, 15,2 % berichteten von 2 Gefäßerkrankungen, bei 8,6 % lagen 3 oder mehr vaskuläre Begleiterkrankungen vor.
Solche Erkrankungen waren bei den Betroffenen im Durchschnitt mit einer geringeren Denkleistung assoziiert. Die Analyse bildgebender Daten (MRT, Magnetresonanztomographie) zeigte, dass einem Teil dieser Einbußen strukturelle Veränderungen im Gehirn zugrunde lagen, übereinstimmend mit der Idee der reduzierten neurologischen Reserve. 3
Holistischer Ansatz: Langfristige Förderung der neurologischen Reserve und Denkleistung
Experten schlugen in einem Übersichtsartikel einen holistischen Ansatz vor: Die umfassende Betrachtung des Menschen mit MS, von Begleiterkrankungen und Medikation, aber auch Aspekten der Lebensgestaltung wie Schlafrhythmus oder Bewegung, Ernährung und Rauchen, hat zum Ziel, die neurologische Reserve weitgehend zu erhalten und womöglich sogar zu verbessern. Dies wird umso wichtiger, je älter die Patienten werden – altersbedingt kommen vermehrt Risikofaktoren für die Denkleistung zum Tragen. 4
Mit diesem Ziel vor Augen soll auch die MS-Behandlung mit krankheitsmodifzierenden Medikamenten betrachtet werden, so die Wissenschaftler. Die meisten klinischen Studien zur Zulassung neuer Wirkstoffe schlossen ausschließlich oder vorwiegend jüngere Patienten unter 55 Jahren ein. Eventuelle Risiken für die neurologische Reserve, die sich in höherem Alter entwickeln, wurden daher meist nicht berücksichtigt. Speziell Begleiterkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, beispielsweise Bluthochdruck, sind jedoch für die neurologische Reserve relevant und kommen bei Menschen mit MS häufig und generell öfter mit zunehmendem Alter vor. Auch Risikofaktoren für die Herz-Kreislaufgesundheit wie Diabetes oder Infektionen können bei MS das Risiko für die Denkleistung erhöhen. Die Behandlung mit mehreren Wirkstoffen (Polypharmazie) birgt zudem das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen. Das Nutzen-Risiko-Profil von Behandlungen allgemein sowie MS-Therapien ändert sich somit im Alter. 5
Experten fassten eine Reihe von Tipps zusammen, um die neurologische Reserve zu erhalten und zu fördern:
- Schlafhygiene betreiben
- Bewegungsroutinen etablieren
- Gesund ernähren
- Besser nicht rauchen
- Infektionsrisiken senken
- Medikamente auf Schlafnebenwirkungen prüfen
- Medikamentenzahl und -interaktionen prüfen
- Emotionales Wohlbefinden fördern 4
Risikofaktoren früh erkennen und minimieren für einen längeren Erhalt der Denkleistung
Die Studien deuten somit auf eine frühzeitige Förderung der neurologischen Reserve als wichtiges Element der umfassenden MS-Therapie. Kann die neurologische Reserve langfristig erhalten oder verbessert werden, ist das Gehirn länger in der Lage, alternative Wege für Denkleistungen zu nutzen. Dies wird umso wichtiger mit zunehmendem Alter der Menschen mit MS. Anpassungen des Lebensstils, aber auch Früherkennung und effektive Behandlung relevanter Begleiterkrankungen, speziell des Herz-Kreislauf-Systems, können einen wichtigen Beitrag leisten. Zudem sollten medikamentöse Behandlungen regelmäßig auch mit Blick auf das jeweilige Patientenalter und ein womöglich verändertes Nutzen-Risiko-Profil betrachtet und bei Bedarf angepasst werden.
Weitere Informationen zur MS finden Sie unter https://www.ms-gateway.de/
Mit freundlicher Unterstützung der Bayer Vital GmbH
Referenzen
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- DiMauro KA, Swetlik C, Cohen JA. Management of multiple sclerosis in older adults: review of current evidence and future perspectives. J Neurol. 2024 Jul;271(7):3794-3805. doi: 10.1007/s00415-024-12384-3. Epub 2024 Apr 30. PMID: 38689068; PMCID: PMC11233312. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38689068/
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- Schulte T. Multiple Sklerose im Alter: Besonderheiten und Therapiestrategien. On-Demand-Webinar https://www.esanum.de/webinars/multiple-sklerose-im-alter-besonderheiten-und-therapiestrategien/lp CME-Punkte möglich bis 28.02.2026