Psychische Belastung bei Krebs: UMG-Studie zeigt, Frauen und jüngere Menschen nutzen Angebote häufiger
Forschende der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben untersucht, welche Faktoren beeinflussen, ob Krebspatient*innen psychoonkologische Unterstützung in Anspruch nehmen. Die Auswertung zeigt: Frauen und jüngere Menschen nutzen Angebote häufiger. Gleichzeitig erhielten am UniversitätsKrebszentrum Göttingen (G-CCC) rund 97 Prozent der untersuchten Patient*innen, die sich Unterstützung wünschten, eine entsprechende Betreuung. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“ veröffentlicht.
Eine Krebsdiagnose und die anschließende Behandlung stellen Betroffene häufig nicht nur vor körperliche, sondern auch vor erhebliche seelische Herausforderungen. Ängste, Sorgen um die Zukunft oder Belastungen im Alltag können die Lebensqualität beeinträchtigen. Psychoonkologische Angebote helfen Patient*innen und ihren Angehörigen, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Doch welche Patient*innen nehmen solche Angebote tatsächlich wahr und welche Faktoren beeinflussen ihre Entscheidung? Dieser Frage ist ein Forschungsteam um Julia Schultke, Psychologin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), und Prof. Dr. Friederike Braulke, Geschäftsführerin des UniversitätsKrebszentrums Göttingen (G-CCC) der UMG, nachgegangen.
Für die Studie werteten die Forschenden Daten von 5.217 Krebspatient*innen aus, die zwischen 2020 und 2023 am G-CCC behandelt und psychoonkologisch gescreent wurden. Untersucht wurde unter anderem, welchen Einfluss Alter, Geschlecht, psychische Belastung, Krankheitsstadium und die Art der Erfassung des Unterstützungsbedarfs auf die Inanspruchnahme psychoonkologischer Betreuung haben. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“ veröffentlicht.< Originalpublikation
Schultke J. et al. Predictors of the use of psycho-oncological care. Journal of Cancer Research and Clinical Oncology (2026). DOI: https://doi.org/10.1007/s00432-026-06584-9
Frauen und jüngere Patient*innen nutzten Unterstützung häufiger
Die Studie zeigt, dass psychoonkologische Angebote von verschiedenen Patient*innengruppen unterschiedlich häufig genutzt wurden. Frauen nahmen deutlich häufiger Unterstützung in Anspruch als Männer. Auch jüngere Patient*innen nutzten die Angebote häufiger als ältere Menschen. Diese Unterschiede zeigten sich nicht nur bei der grundsätzlichen Inanspruchnahme, sondern auch bei der Anzahl längerer Beratungsgespräche. Zudem nahmen Patient*innen mit einer höheren seelischen Belastung oder einer fortgeschrittenen Krebserkrankung ebenfalls häufiger psychoonkologische Unterstützung in Anspruch.
Hohe Inanspruchnahme psychoonkologischer Angebote am G-CCC
Das UniversitätsKrebszentrum Göttingen (G-CCC) vereint unter dem Dach des Onkologischen Zentrums 22 Zertifikate für insgesamt 16 von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizierte Zentren für verschiedenste Tumorerkrankungen. Am häufigsten wurde das psychoonkologische Angebot im Gynäkologischen Krebszentrum (83,1 Prozent) und im Brustkrebszentrum (77,0 Prozent) der UMG genutzt. Insgesamt gab es bei mehr als der Hälfte der untersuchten Patient*innen des UniversitätsKrebszentrums Göttingen (55,1 Prozent) mindestens einen psychoonkologischen Kontakt. Bei denjenigen, die sich ausdrücklich Unterstützung wünschten, lag die Inanspruchnahme bei 96,5 Prozent.
Am UniversitätsKrebszentrum Göttingen stehen allen Zentren Psychoonkolog*innen zur Verfügung, die eng mit den jeweiligen Behandlungsteams zusammenarbeiten. Dadurch ist die psychoonkologische Unterstützung unmittelbar in die Versorgung der Krebspatient*innen eingebunden. Dies ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang und eine kontinuierliche, vertrauensvolle Begleitung.
„Die Ergebnisse zeigen, dass wir mit unseren bestehenden Versorgungsstrukturen viele Patient*innen erreichen, die sich psychoonkologische Unterstützung wünschen. Gleichzeitig helfen uns die Daten dabei, unsere Angebote noch genauer auf die Bedarfe und Möglichkeiten unserer Patient*innen anzupassen“, sagt Prof. Braulke.
„Neben dem standardisierten Screening per Fragebogen ist es entscheidend, den individuellen Unterstützungswunsch der Patient*innen zu berücksichtigen“, sagt Julia Schultke, Erstautorin der Studie.
Psychoonkologische Versorgung gezielt weiterentwickeln
Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise, wie psychoonkologische Angebote künftig noch besser auf unterschiedliche Patient*innengruppen ausgerichtet werden könnten. Faktoren wie psychische Vorerkrankungen, Sprachkenntnisse oder eine Betreuung außerhalb des G-CCC, sowie ein möglicher Einfluss der Pandemie-bedingten Kontakteinschränkungen im Beobachtungszeitraum konnten in der rückblickenden Untersuchung nicht berücksichtigt werden. Weiterführende Studien könnten helfen, mögliche Zugangsbarrieren besser zu verstehen und die psychoonkologische Versorgung bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.