Netzwerk gegen vernachlässigte Erkrankung: Chagas-Krankheit: Früher erkennen, Übertragung verhindern
Hybrid-Pressekonferenz anlässlich des 26. Forums Reisen und Gesundheit des CRM Centrum für Reisemedizin, 7. März 2025, 10 Uhr
Düsseldorf/Berlin – Ursprung und Heimat der Chagas-Krankheit ist Lateinamerika. Hierzulande ist die Infektionskrankheit, die die WHO zu den vernachlässigten Tropenerkrankungen zählt, auch bei Ärzten und Ärztinnen wenig bekannt. Warum Maßnahmen zur Aufklärung, Prävention und Diagnostik auch in Europa sinnvoll sind und wie ein universitäres Netzwerk hier Hilfestellung leistet, darüber sprechen Experten des CRM Centrum für Reisemedizin auf der Pressekonferenz anlässlich des 26. Forums Reisen und Gesundheit am 7. März.
Der Erreger der Chagas-Krankheit ist der einzellige Parasit Trypanosoma cruzi, der meist durch den Biss einer blutsaugenden Raubwanze auf den Menschen übertragen wird. Die betroffenen Raubwanzen sind nachtaktiv und kommen ausschließlich in Lateinamerika und im äußersten Süden der USA vor. Sie werden mit ärmlichen Lebensverhältnissen assoziiert. „In unbefestigten Häusern oder Hütten verstecken sich die Insekten in den Ritzen von Holz- oder Lehmwänden. Nachts beißen die Wanzen dann ungeschützte Stellen am Körper der Schlafenden. Über den Kot und Urin der Wanze, die dann in die Wunde gelangt, erfolgt die Infektion“, sagt PD Dr. med. Thomas Zoller vom Fächerverbund Infektiologie, Pneumologie und Intensivmedizin der Berliner Charité.
Lebenslange Infektion
Wer sich einmal mit der Chagas-Krankheit infiziert hat, trägt den Erreger ein Leben lang im Körper, meist ohne es zu wissen. Denn die akute Phase der Infektion verläuft häufig mit unspezifischen Symptomen, wie Kopfschmerzen, Fieber oder geschwollenen Lymphknoten. Bei bis zu einem Drittel der Betroffenen kommt es zu schweren Symptomen, oft erst Jahrzehnte nach der Infektion. Dann allerdings kann die Krankheit lebensbedrohlich verlaufen: Die Erreger schädigen das Herz oder den Magen-Darm-Trakt, eine zunehmende Herzschwäche bis hin zum Herzversagen und/oder schwerwiegende Schluck- und Verdauungsstörungen sind die Folge.
Betroffene auch in Europa
Auch in Europa leben Menschen, die chronisch mit der Chagas-Krankheit infiziert sind. Schätzungen zufolge tragen rund 60.000 bis 120.000 Personen mit lateinamerikanischem Migrationshintergrund den Erreger dauerhaft in sich. 1 Zwar ist eine Weitergabe über Wanzen hier ausgeschlossen, da die entsprechenden Arten in Europa nicht heimisch sind. Dennoch kann die Krankheit auf andere Menschen übertragen werden – zum einen über Bluttransfusionen und Organspenden, zum anderen durch infizierte Mütter, die die Erreger während der Schwangerschaft oder bei der Geburt an ihre Kinder weitergeben. Infektiologen fordern daher seit Jahren, Blut- und Organspender sowie Mütter aus Endemiegebieten auf T. cruzi zu testen. „Solche Testungen sind in Deutschland jedoch leider noch immer nicht vorgesehen“, bedauert Zoller.
Netzwerk gegen die Chagas-Krankheit
Schwieriger ist es, Betroffene außerhalb dieser Settings frühzeitig zu identifizieren und zu kontaktieren. Hier hat es sich das Deutsche Chagas-Netzwerk ELCiD (Erkennung und Lenkung von Chagas-Patienten in Deutschland) zum Ziel gesetzt, Migrantinnen und Migranten unabhängig von ihrem Versicherungsschutz und Aufenthaltsstatus niederschwellig anzusprechen. An ELCiD sind sechs deutsche Universitätskliniken aus Berlin, Hamburg, Köln, Würzburg, München und Düsseldorf beteiligt, die Menschen aus Chagas-Risikogebieten eine kostenlose Beratung und Testung anbieten. Wird eine Infektion nachgewiesen, wird den Betroffenen eine medikamentöse Behandlung angeboten beziehungsweise bei fortgeschrittener Erkrankung eine multidisziplinäre Therapie koordiniert.
Heilung nur im Frühstadium
Wie eine Chagas-Infektion behandelt wird, richtet sich hauptsächlich nach dem Erkrankungsstadium und dem Alter der Betroffenen. „Die beiden zur Verfügung stehenden Medikamente können zu vielfältigen, teils schweren Nebenwirkungen führen“, sagt Zoller. Kinder vertrügen die Wirkstoffe besser als Erwachsene. Zudem hätten sie meist noch keine Organschäden durch die Infektion entwickelt und es bestehe noch die Chance, die Erreger zu eliminieren. Sie sollten daher in jedem Fall behandelt werden, um spätere Schäden zu vermeiden. Jüngeren Erwachsenen und Älteren ohne manifeste Organschädigungen sollte die Medikation zumindest angeboten werden. Über-50-Jährige, deren Herz, Darm oder Speiseröhre bereits in Mitleidenschaft gezogen seien, profitierten dagegen nicht mehr von den Medikamenten. 2
Geringes Risiko für Reisende
Auch Reisende mit entsprechendem Risiko können sich in den ELCiD-Zentren beraten und testen lassen. Ein nennenswertes Chagas-Risiko besteht für Reisende allerdings nur dann, wenn sie sich längere Zeit in Endemiegebieten aufhalten und/oder in sehr einfachen Unterkünften oder im Zelt übernachten. 3 Das kann etwa bei Rucksackreisenden, bei Entwicklungshelfern oder im Rahmen von Praktika der Fall sein. „Insgesamt sind Infektionen bei Reisenden jedoch äußerst selten“, sagt Zoller. Um das Risiko weiter zu minimieren, rät er dazu, unter Bettnetzen zu schlafen, die die Wanzen vom Körper fernhalten.
Ein zweiter Übertragungsweg verläuft über frisch gepresste Fruchtsäfte und Zuckerrohrsaft. Hier ist nicht auszuschließen, dass infizierte Wanzen versehentlich mitgepresst werden und den Saft verunreinigen. „Um das zu vermeiden, sollten pasteurisierte Produkte bevorzugt werden“, so Zoller4.
Quellen:
1) Basile L, Jansa JM, Carlier Y, Salamanca DD, Angheben A, Bartoloni A, u. a. Chagas disease in European countries: the challenge of a surveillance system. Euro Surveill Bull Eur Sur Mal Transm Eur Commun Dis Bull. 2011;16(37).
2) AWMF-Leitlinie Nr. 042-009 zu Screening, Diagnose, Behandlung und klinischem Management der Chagas-Krankheit in Deutschland, 2022 https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/042-009
3) Trypanosomiasis, American / Chagas Disease | CDC Yellow Book 2024 [Internet]. [zitiert 13. Februar 2025]. Verfügbar unter: https://wwwnc.cdc.gov/travel/yellowbook/2024/infections-diseases/trypanosomiasis-american-chagas-disease
4) Franco-Paredes C, Villamil-Gómez WE, Schultz J, Henao-Martínez AF, Parra-Henao G, Rassi A, u. a. A deadly feast: Elucidating the burden of orally acquired acute Chagas disease in Latin America – Public health and travel medicine importance. Travel Med Infect Dis. Juli 2020;36:101565.
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/chagas-disease-(american-trypanosomiasis)
Hybrid-Pressekonferenz des CRM Centrum für Reisemedizin anlässlich des 26. Forums Reisen und Gesundheit
„Reisen in die Amerikas“
Termin: Freitag, 7. März 2025, 10.00 bis 11.00 Uhr
Ort: Hotel nhow Berlin, Stralauer Allee 3, 10245 Berlin, Raum: Music-Hall 4
Anmeldung zur Hybrid-Pressekonferenz vor Ort: über untenstehende Kontaktdaten
Link zur Anmeldung für die Hybrid-Pressekonferenz: https://attendee.gotowebinar.com/register/7210553719320104031
Themen und Referierende:
„Reisen in die Amerikas“ – Highlights des 26. Forums Reisen und Gesundheit
Prof. Dr. med. Tomas Jelinek
Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf;
Medizinischer Leiter BCRT – Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin; Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin e. V. (DFR)
Fast vergessen, aber immer noch sehr lebendig: Chagas
Prof. Dr. med. Thomas Zoller
Forschungsgruppenleiter Tropical Medicine and International Health, Fächerverbund Infektiologie, Pneumologie und Intensivmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Neue Therapieansätze bei der Flugangst – oder: Was hilft gegen Flugangst?
Dr. med. Udo Wortelboer
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Frankfurt
Prävention unter Therapie mit neuen Immunmodulantien: wann kann ich was wem impfen?
Prof. Dr. med. Martina Prelog, M.Sc.
Kinderklinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg
Allgemeine Weltseuchenlage und Reiseimpfungen: Was gibt es Neues?
Prof. Dr. med. Tomas Jelinek
Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin, Düsseldorf;
Medizinischer Leiter BCRT – Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin;
Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für Reisemedizin e. V. (DFR)
Moderation: Pressestelle CRM, Stuttgart
26. Forum Reisen und Gesundheit „Reisen in die Amerikas“
Termin: 07. und 08.03.2025
Ort: Hotel nhow Berlin, Stralauer Allee 3, 10245 Berlin und online