Tausende Teilnehmer beim weltweit größten Kongress für Infektionsmedizin in München – aber unsichere Zukunft der Infektiologie in Deutschland

München – Der weltweit wichtigste Kongress für Infektiologie und klinische Mikrobiologie kommt nach Deutschland: Vom 17. bis 21. April werden in München rund 18.000 Fachleute für Infektionskrankheiten beim European Congress of Clinical Microbiology and Infectious DiseasesESCMID Global 2026 erwartet. Die Expertinnen und Experten aus aller Welt diskutieren dort über Wege im Kampf gegen Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen. Letztere werden unter anderem beim hochkarätig besetzten AMR Science-Policy Forum Thema sein, an dem Vertreter von Wissenschaft, Industrie, WHO und Gates-Foundation teilnehmen. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) setzt darauf, dass der Kongress ein Signal sendet an die politischen Verantwortlichen in Deutschland, die Infektionsmedizin strukturell zu stärken. Denn während international der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen und Infektionen intensiviert wird, droht der Infektionsmedizin in Deutschland durch die Streichung der Leistungsgruppe Infektiologie im KHAG eine deutliche Schwächung.

Weltweit ist etwa jede sechste im Labor bestätigte Infektion auf einen resistenten Erreger zurückzuführen – und spricht damit nicht mehr auf gängige Antibiotika an. Antimikrobielle Resistenzen (AMR) sind laut WHO eine der größten globalen Gesundheitsbedrohungen. Daher bilden sie auch einen der Themenschwerpunkte des ESCMID GLOBAL 2026. Auf dem Kongress wollen internationale Initiativen unter Beteiligung von Wissenschaft, Politik und globalen Organisationen konkrete Fahrpläne und Strategien zur Bekämpfung von AMR vorantreiben. „Um im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen wirksam zu werden, sind koordinierte und globale Anstrengungen dringend erforderlich“, sagt Professor Dr. Dr. Jan Rybniker, Beauftragter der DGI im Deutschen Netzwerk AMR. „Die Forschung in Deutschland steht hier mit an der Spitze – und das, obwohl das klinische Fach Infektiologie hierzulande zuletzt strukturell deutlich geschwächt wurde.“ Dabei sei eine Verankerung infektiologischen Fachwissens in der Versorgung zentral, um den rationalen und verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika sicherzustellen, und so Resistenzen einzudämmen.

Infektiologie ohne nachhaltige Verankerung

Im Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG), das Mitte April 2026 in Kraft tritt, hat die Infektiologie ihre im früheren Gesetzgebungsprozess der Krankenhausreform zugesicherte Leistungsgruppe verloren – aus Sicht der DGI nach wie vor eine fatale Fehlentscheidung, da nun spezifische Qualitätskriterien und Vergütungsfragen der Infektionsmedizin in Deutschland weitgehend ungeklärt sind. „Zwar wird die Facharztweiterbildung Innere Medizin und Infektiologie sowie die Zusatzweiterbildung Infektiologie bis 2028 vorläufig weiter gefördert – durch die fehlende Leistungsgruppe aber sind infektiologische Leistungen und Kompetenzen nicht nachhaltig im Gesundheitssystem verankert und gesichert finanziert“, sagt Professorin Dr. med. Maria Vehreschild, Vorsitzende der DGI. Für viele Kliniken heißt das konkret: Ohne eine eigene Leistungsgruppe gibt es kaum Veranlassung, Ärztinnen und Ärzte mit infektiologischer Weiterbildung einzustellen. Die Folge für Patientinnen und Patienten: Die Qualität der Versorgung bei schweren Infektionen droht, empfindlich zu leiden.

Infektiologische Expertise steigert Behandlungsqualität und senkt Kosten

Dabei zeigen Daten, dass die Einbindung von Fachärztinnen und Fachärzten der Infektiologie die Überlebenschancen von Betroffenen mit schweren Infektionen um bis zu 20 Prozent verbessern, Komplikationen reduzieren und den Antibiotikaverbrauch senken.

Und schwere Infektionen sind häufig: Nicht nur durch die Zunahme von Antibiotikaresistenzen, den Klimawandel und Pandemiegefahren, sondern auch durch die Patienten- und Versorgungsstruktur in Deutschland. „Wir wissen aus unserer täglichen klinischen Arbeit: Gerade ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem und Patientinnen und Patienten, die neuartige Krebstherapien oder große Operationen durchlaufen, erleiden oft schwere Infektionen“, erläutert Prof. Dr. med. Siegbert Rieg, stellvertretender Vorsitzender der DGI. „Hinzu kommt: Die Bundeswehr hat die Infektiologie als für die Wehrmedizin hochrelevant eingestuft – hier stellt sich die Frage, wie gut sich Deutschland auf geopolitische Krisensituationen einstellt.“

Aktuelle Herausforderungen und globale Krisen brauchen infektiologische Expertise

„Die strukturelle Schwächung der Infektiologie, die wir in Deutschland gerade erleben, ist nicht nur ein deutscher Sonderweg – sie steht auch in einem krassen Gegensatz zu den zukünftigen Herausforderungen der medizinischen Versorgung und den globalen Krisen“, so Vehreschild. „Wenn Deutschland sein Gesundheitssystem zukunftsfähig aufstellen will, muss die Infektiologie dort nachhaltig verankert sein.“

Zur Kongress-Website des ESCMID Global 2026https://www.escmid.org/congress-events/escmid-global/munich-2026/