Stellungnahme zur Verordnung von ambulanter Physiotherapie bei funktionellen Bewegungsstörungen
Diagnoselisten und Zuordnungen diverser Orientierungshilfen und Praxissoftware-Lösungen sind nicht rechtsverbindlich. Das stellt die DGN-Kommission Psychosomatische Neurologie in einer ausführlichen Stellungnahme dar.
Funktionelle Bewegungsstörungen, auch als dissoziative, somatoforme oder psychogene Bewegungsstörungen bezeichnet, stellen ein verhältnismäßig häufiges Krankheitsbild in der Neurologie dar. Internationalen Empfehlungen und neueren Studien zufolge sollen in der Behandlung kognitive, affektive, verhaltensbezogene und motorische Aspekte berücksichtigt werden, idealerweise im Rahmen einer multimodalen, interdisziplinären Therapie.1-4 Der spezialisierten Physiotherapie kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu.
Im Gegensatz zu primär neurophysiologischen Ansätzen in der Physiotherapie, bei denen durch neuromuskuläre und zentralnervöse Reorganisation eine gesteuerte Anpassung von Bewegungsabläufen angestrebt wird, sollte die spezialisierte Physiotherapie für funktionelle Bewegungsstörungen nach kognitiv-verhaltenstherapeutischen Prinzipien erfolgen.5,6 Die Ausrichtung erfolgt somit nicht auf der defizitären Struktur- und Funktionsebene, sondern auf der Aktivitätsebene, wo u. a. durch Techniken der Aufmerksamkeitsverlagerung zielorientierte Handlungsbewegungen gefördert werden. Die Erarbeitung eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses befördert das Selbstmanagement im Verlauf.
Erfolgt die Physiotherapie ambulant, muss sie ärztlicherseits verordnet werden. Bei der Verordnung von Physiotherapie muss eine Zuordnung zu vorgegebenen Diagnosegruppen erfolgen (z. B. Diagnosegruppe ZN „Erkrankungen des Zentralnervensystems“). Obwohl in den amtlichen Heilmittel-Richtlinien für diese Diagnosegruppen keine verbindlich zugeordneten Diagnosen oder ICD-10-Schlüssel gelistet sind, bieten diverse Orientierungshilfen und Praxissoftware-Lösungen zur Hilfsmittelverordnung entsprechende Auflistungen. Da hier funktionelle Bewegungsstörungen (ICD-10-Diagnoseschlüssel F44.4 oder F44.7) nicht explizit der Diagnosegruppe ZN zugeordnet werden, besteht oft Unsicherheit, ob und wie die Verordnung und Abrechnung erfolgen kann.
Die DGN Kommission für Psychosomatische Neurologie stellt hierzu klar: die Diagnoselisten und Zuordnungen in diversen Orientierungshilfen und Praxissoftware-Lösungen sind nicht rechtsverbindlich. Vielmehr sieht die Heilmittel-Richtlinie explizit vor, dass sich die Indikation nicht aus der Diagnose allein ergibt, sondern „aus der Gesamtbetrachtung der funktionellen oder strukturellen Schädigungen und der Beeinträchtigung der Aktivitäten einschließlich der personen- und umweltbezogenen Kontextfaktoren“ (Teil B, §3). Somit kann und soll für funktionelle Bewegungsstörung unter Angabe des entsprechenden Diagnoseschlüssels (z. B. F44.4) eine Zuordnung zur Diagnosegruppe ZN erfolgen.
Sollte seitens der Kostenträger eine Begründung der Verordnung gefordert werden (z. B. im Rahmen einer Wirtschaftlichkeits- oder Kostenerstattungsprüfung), kann auf diese Stellungnahme verwiesen werden. Für diesbezügliche Rückfragen steht die Kommission Psychosomatische Neurologie zur Verfügung.
Sprecher der Kommission: PD Dr. Stoyan Popkirov
Literatur
- Bolte, C., Degen-Plöger, C., Münchau, A., & Weissbach, A. (2024). Diagnostik und Therapie funktioneller neurologischer Bewegungsstörungen. DGNeurologie, 1-12.
- Hausteiner-Wiehle, C., & Schmidt, R. (2024). Die transdisziplinäre Behandlung funktioneller Bewegungsstörungen: Integration statt Dissoziation. Der Nervenarzt, 1-7.
- Macías-García D, Méndez-Del Barrio M, Canal-Rivero M, et al. Combined Physiotherapy and Cognitive Behavioral Therapy for Functional Movement Disorders: A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurology. 2024;81(9):966-976.
- Nielsen G, Stone J, Lee TC, et al. Specialist physiotherapy for functional motor disorder in England and Scotland (Physio4FMD): a pragmatic, multicentre, phase 3 randomised controlled trial. Lancet Neurology. 2024;23(7):675-686.
- Nielsen, G., Stone, J., Matthews et al. (2015). Physiotherapy for functional motor disorders: a consensus recommendation. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 86(10), 1113-1119. https://doi.org/10.1136/jnnp-2014-309255
6. Degen-Plöger, C., Reincke, A., Fasching, B., & Lüdtke, K. (2023). Spezialisierte Physiotherapie bei funktionellen Bewegungsstörungen. Nervenheilkunde, 42(08), 536-541. https://doi.org/10.1055/a-2083-8220