Aufhalten des chronischen Verlaufs? Multiple Sklerose-Forschung macht Hoffnung auf neue Medikamente
Christiane hat seit 25 Jahren MS. Für sie und für andere Patientinnen und Patienten mit einer fortgeschrittenen Multiplen Sklerose ist das Warten und Hoffen auf neue Medikamente, die den Verlauf wirksam aufhalten, Alltag. Die chronisch-progrediente Erkrankung des zentralen Nervensystems verläuft anfangs meist schubartig und kann in dieser Phase mit einer Reihe von Medikamenten behandelt werden. Schreitet die Krankheit jedoch fort, fehlen bislang Therapien, die den Verlust der neurologischen Fähigkeiten aufhalten. Doch laufende Zulassungsstudien machen Hoffnung auf künftige neue Behandlungsoptionen.
Als Schülerin, mit 19 Jahren, erlitt die Patientin ihren ersten Schub: Plötzlich verlor sie auf einem Auge nahezu vollständig die Sehkraft. Die Diagnose MS folgte erst Jahre später nach einem weiteren Schub im Studium. „Heute erkennen wir die Erkrankung deutlich früher“, so Meuth. „Und das ist gut so: Ein früher Therapiebeginn verbessert den Verlauf entscheidend.“ Während zu Beginn ihrer Erkrankung zur Behandlung der neurologischen Symptome nur Interferon-Injektionen zur Verfügung standen, gibt es heute rund 20 zugelassene Medikamente.
Der jahrelange Weg durch die verschiedenen Therapien ging nicht spurlos an der Patientin vorbei. „Die Interferon-Spritzen waren sehr unangenehm“, erinnert sie sich. Später folgten Tabletten, die ihren Alltag stark bestimmten. Auch heute noch nimmt sie mehrere Medikamente gleichzeitig ein. „Mein Wecker erinnert mich daran.“ Für Meuth ist klar: „Die Disziplin und Therapietreue, die unsere Patientinnen und Patientinnen mitbringen müssen, ist bemerkenswert. Denn die Behandlung kann oft nur darauf abzielen, langfristige Verläufe positiv zu beeinflussen: „Viele nehmen jahrelang Medikamente für das statistische Versprechen, dass es ihnen vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren besser geht als es ihnen ohne diese Behandlungen gegangen wäre.“
Sehr oft gibt es bei der Erkrankung den Moment, an dem die Schübe in einen schleichenden, degenerativen Verlauf übergehen. Bei Christiane kam dieser Zeitpunkt nach der ersten Schwangerschaft. Ein unbemerkter Schub in der fordernden Zeit mit dem Baby leitete den Übergang ein. Heute sind vor allem ihre Beweglichkeit und die rechte Körperseite eingeschränkt. Viele Tätigkeiten wie zum Beispiel das Schreiben oder das Öffnen von Dosen übernimmt sie inzwischen mit links. „Meine Autonomie hängt an meiner linken Hand“, sagt sie. „Deshalb ist mein Ziel, das Fortschreiten möglichst zu verlangsamen.“ Auto fährt sie nur noch mit einem speziell an ihre Bedürfnisse angepassten Fahrzeug.
Trotz der Einschränkungen arbeitet sie weiterhin als Grundschullehrerin in Teilzeit. „Wenn ich nicht mehr arbeiten könnte, wäre ich in einem Loch“, sagt sie. Im Familienalltag mit ihren zwei Kindern wird sie von ihrem Mann unterstützt. Regelmäßige Aufenthalte in einer Reha-Klinik helfen ihr, Kraft zu schöpfen: „Drei Wochen nur für mich – davon zehre ich lange.“
Aus medizinischer Sicht ist der Verlauf der Multiplen Sklerose bei Christiane typisch. „Im jüngeren Erwachsenenalter stehen entzündliche Prozesse im Vordergrund, später nimmt die neurodegenerative Komponente zu“, erklärt Meuth. Während Entzündungen behandelbar sind, fehlen bislang sehr wirksame Therapien gegen das Fortschreiten. Zudem verläuft MS bei den Betroffenen sehr unterschiedlich – je nachdem, ob eher Gehirn oder Rückenmark betroffen sind. Umso wichtiger ist die Forschung: Die Medizinische Fakultät der Universität Münster und die Klinik für Neurologie am UKM sind an rund 25 Zulassungsstudien beteiligt. Im Fokus stehen unter anderem neue Wirkstoffe wie Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren (BTK), die erstmals gezielt auf das Fortschreiten wirken könnten. „Wir erwarten hier Rückenwind und neue Perspektiven“, sagt Meuth.
Für die Mittvierzigerin ist das mit der Hoffnung verbunden, den Abbau ihrer neurologischen Fähigkeiten zu verlangsamen oder gar aufzuhalten: „Wenn es solche Medikamente früher gegeben hätte, wäre mein Leben vielleicht anders verlaufen.“ Ihr Blick richtet sich dennoch nach vorn: „Ich hoffe, dass es irgendwann die Therapie gibt, die genau zu mir passt.“ Bis dahin bleibt ihr Alltag ein Balanceakt – getragen von dem unbedingten Willen, ihr Leben trotz der Erkrankung so lange wie möglich selbstbestimmt zu gestalten.