Mikroplastik und Haut: Ein Update

  • 1. Juni 2026
Gastbeitrag von Dr. med. Christina Hecker
(Ärztin für Dermatologie und Allergologie; AG Dermatologie KLUG e.V.)


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Review zu Mikroplastik, Nanoplastik und kutaner Physiologie

Mikroplastikpartikel sind in der Luft, im Wasser, in Lebensmitteln und mittlerweile nachweislich auch im menschlichen Gewebe nachweisbar. Doch welche Auswirkungen hat die ubiquitäre Umweltbelastung konkret auf unser größtes Organ, die Haut? Ein aktuelles narratives Review in Die Dermatologie (Niebel & Saha, 2026) beleuchtet den aktuellen Wissensstand und verdeutlicht, wie viel bisher noch ungeklärt ist.

Definition Mikroplastik und Nanoplastik

Als Mikroplastik (MP) gelten Kunststoffpartikel zwischen 1 und 5000 µm. Sie entstehen teils in Form von primärem Mikroplastik als Microbeads in Kosmetika oder Peelings, überwiegend jedoch durch Abrieb und Fragmentierung von Alltagsgegenständen aus Plastik. Nanoplastik (NP) besteht aus denselben Polymeren, ist jedoch kleiner als 1 µm. Diese Winzigkeit macht es besonders relevant: Theoretisch kann NP epitheliale Barrieren überwinden, die für größere Partikel undurchdringlich bleiben.

Die globale Plastikproduktion hat sich seit den 1950er-Jahren bei gleichzeitig niedrigen Recyclingraten exponentiell gesteigert. Mikro- und Nanoplastik (MNP) gelten daher als „emerging pollutants“: Schadstoffe mit wachsender Umweltrelevanz und bislang unvollständig verstandenem Gefährdungspotenzial für die menschliche Gesundheit.

In-vitro-Befunde: Alarmsignale aus dem Labor

In vivo, d.h. am lebenden Menschen oder im Tiermodell unter realistischen Expositionsbedingungen, ist bislang kaum etwas über die Wirkung von MNP auf die Haut bekannt. Anders sieht es in Zellkulturmodellen aus. Die Datenlage aus In-vitro-Studien deutet auf mehrere, Besorgnis erregende Effekte hin:

  • Proinflammatorische Reaktionen in Keratinozyten und Fibroblasten
  • Zytotoxische Effekte bei höheren Partikelkonzentrationen
  • Förderung zellulärer Seneszenz: ein Mechanismus, der auch bei Hautalterung und Wundheilungsstörungen eine Rolle spielt
  • Oxidativer Stress sowie Störungen von Tight Junctions und der extrazellulären Matrix
  • Mögliche Beeinträchtigung des Wnt/β-Catenin-Signalwegs

Hinzu kommt: Umwelt-MNP sind selten chemisch inert. Sie können persistente organische Schadstoffe adsorbieren und freisetzen sowie als Vehikel für Krankheitserreger fungieren. Dieses Phänomen wird derzeit unter dem Begriff „Plastisphäre“ diskutiert.

Kann Mikroplastik die Haut durchdringen?

Die zentrale dermatologische Frage nach der Penetration ist wissenschaftlich noch nicht abschließend beantwortet. Studien mit Polystyrol-Nanopartikeln zeigen, dass eine Durchdringung der intakten Hautbarriere allenfalls als seltenes Ereignis an Stellen fokaler Partikelaggregation stattfindet. Nanoplastik könnte jedoch über Haarfollikel, Schweißdrüsen oder bei vorgeschädigter Barriere wie z.B. bei Ekzemerkrankungen oder Psoriasis leichter eindringen. Reale Expositionsszenarien und klinische Konsequenzen bleiben ungeklärt.

Limitationen und Forschungslücken

Die Autoren betonen die erheblichen methodischen Hürden: Bestehende In-vitro-Modelle arbeiten häufig mit unrealistisch hohen Partikelkonzentrationen oder artifiziellen Testsystemen, die sich kaum auf die Situation am Menschen übertragen lassen. Standardisierte Expositionsmodelle für die Haut fehlen weitgehend. Hier besteht dringender Bedarf an validierten Prüfmethoden und bevölkerungsrepräsentativen Expositionsdaten.

Regulatorik: Europa handelt bisher lückenhaft

Die EU hat mit der Verordnung 2023/2055 einen wichtigen Schritt unternommen und den absichtlichen Einsatz von Mikroplastik in Produkten, darunter Kosmetika und Reinigungsmittel, stark eingeschränkt. Der weitaus größere Anteil umweltrelevanter MNP entsteht jedoch unabsichtlich durch Abrieb, und hierfür fehlen bislang wirksame Regulierungsinstrumente. Der Lancet Countdown on Health and Plastics (2025) mahnt zu beschleunigtem Handeln.

FAZIT FÜR DIE PRAXIS

MNP sind in der Umwelt omnipräsent und zeigen in vitro eine Reihe potenziell hautrelevanter Effekte. Ob und in welchem Ausmaß diese klinische Bedeutung erlangen, ist derzeit offen. Dermatologen sollten das Thema im Blick behalten, insbesondere im Kontext von Barrierestörungen, Kontaktdermatitiden und Hautalterung. Das Review von Niebel & Saha liefert einen soliden Orientierungsrahmen und benennt klar die offenen Forschungsfragen.

Originalarbeit: Niebel D., Saha S.: Mikroplastik und Haut – ein Update. Die Dermatologie 77, 100–107 (2026). https://doi.org/10.1007/s00105-025-05616-8

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