Gekommen, um zu bleiben: Wie der Klimawandel neue Infektionskrankheiten nach Deutschland bringt
| Gastbeitrag von Dr. med. Christina Hecker (Ärztin für Dermatologie und Allergologie; AG Dermatologie KLUG e.V.) |
Tropische Erreger wie West-Nil-, Dengue- und Chikungunyaviren sind längst nicht mehr ausschließliches Thema für Reisemedizin. Was bedeutet das für Ihre tägliche Praxis?
Mit den Worten „Es ist gekommen, um zu bleiben“ beschreibt PD Dr. med. vet. Hendrik Wilking vom Robert Koch-Institut die Etablierung des West-Nil-Virus in Deutschland. Seit der ersten autochthonen Infektion 2019 hat sich die Lage kontinuierlich verändert: Allein 2025 wurden vier heimisch erworbene WNV-Infektionen registriert, bei drei davon mit schwerem neuroinvasivem Verlauf.
Nicht mehr nur ein Thema für die Tropenmedizin
Die Asiatische Tigermücke breitet sich von Baden-Württemberg bis nach Berlin und Sachsen zunehmend in Deutschland aus. Als effizienter Überträger von Dengue-, Chikungunya- und potenziell Zika-Viren verändert sie das Risikoprofil für Patientinnen und Patienten grundlegend. Die Zahlen aus dem europäischen Ausland sind eindeutig: Allein in Italien wurden in diesem Sommer bereits über 500 WNV-Fälle registriert, in Griechenland mehr als 280.
Auch reiseassoziierte Fälle nehmen zu: Die gemeldeten Chikungunya-Infektionen stiegen von 4 Fällen (2021) auf 227 Fälle (2025). Diese eine Entwicklung hat direkte Relevanz für die Differenzialdiagnostik in jeder Praxis.
Worauf Sie klinisch achten sollten
Der Artikel liefert konkrete Anhaltspunkte für die tägliche Praxis:
- Symptomatik erkennen: Neurologische Auffälligkeiten wie Sprachstörungen, Kribbeln oder Lähmungen bei unklarem Fieber sollten an eine WNV-Infektion denken lassen, insbesondere in den Sommermonaten
- Reiseanamnese neu bewerten: Eine Infektion ist mittlerweile auch ohne Auslandsaufenthalt nicht mehr auszuschließen
- Regionale Risikogebiete kennen: Endemiegebiete für WNV liegen vor allem im Osten Deutschlands, die Tigermücke etabliert sich zunehmend auch im Südwesten
- Labortest konsequent anfordern: Nur gemeldete, laborbestätigte Fälle fließen in die Surveillance ein. Die Dunkelziffer bei milden Verläufen ist hoch
- Differenzialdiagnostisch denken: Bei Flughafenmitarbeitenden und Reisenden auch an seltene Formen wie Flughafen- oder Koffermalaria denken
Ein Blick über den Tellerrand
Der Beitrag ordnet die Entwicklung auch global ein: Weltweit sterben jährlich über 700.000 Menschen an vektorübertragenen Erkrankungen. Gleichzeitig warnt die ECDC-Direktorin Dr. Pamela Rendi-Wagner vor einer „neuen Normalität“ mit längerer und intensiverer Übertragung mückenübertragener Krankheiten in Europa.
Der vollständige Artikel bietet Ihnen zusätzlich eine übersichtliche Symptomtabelle zu Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Fieber sowie konkrete Präventionsempfehlungen für Patientinnen und Patienten – von Repellenzien bis zur Impfempfehlung der STIKO für Risikogruppen.
Erfahren Sie mehr über die epidemiologische Entwicklung, die Rolle der Klimaerwärmung und die praktischen Konsequenzen für Ihren Praxisalltag im vollständigen Artikel.
Gross G, Schulze AK: Klimawandel und Infektionskrankheiten – Gekommen, um zu bleiben. Dtsch Arztebl 2026; 123 (19): A1122–1129.